Montag, 20. April 2015

Möge dein Weg gesegnet sein

Jede Wanderung ist eine Herausforderung – und jede Wanderung hält ihre ganz eigenen Belohnungen für uns bereit: das lebendige Gefühl, unterwegs zu sein; die Landschaft, auf der unser Blick sich ausruhen kann; die Begegnungen mit anderen Wanderern, die uns an ihren Erfahrungen auf der Reise teilhaben lassen; die wohlige Schwere, die uns am Abend bei einer warmen Mahlzeit umfängt.
 

Auch unser Leben und unser spiritueller Weg sind solch eine Wanderung, bei der wir mutig einen Fuß vor den anderen setzen, ohne zu wissen, was hinter der nächsten Biegung des Pfades auf uns wartet. Es gibt Zeiten, in denen alles wie von selbst läuft, der Weg sich bequem und einladend zeigt und wir fröhlich pfeifend unterwegs sind. Dann wieder gibt es Phasen, in denen es nur mühsam vorangeht, unsere Füße bleischwer scheinen, wir uns verirren oder auf matschigem Untergrund ausrutschen und stürzen. In der Rückschau gelingt es uns manchmal, auch diesen schwierigen Zeiten etwas abzugewinnen. Wir erkennen, wie uns die Anstrengung auf andere Herausforderungen vorbereitet hat, wie wir innerlich gewachsen sind und wie uns mancher scheinbar unnötige Umweg zu Orten geführt hat, die unerwartet eine heilsame Veränderung in uns ausgelöst haben. Wenn wir auf unserer Lebensreise hin und wieder eine schöne Bank entdecken, auf der wir uns für einen Moment ausruhen können, spüren wir vielleicht, wie sich in uns eine fast zärtliche Stille ausbreitet, die uns jede Erfahrung unseres Lebens und unseres spirituellen Weges dankbar annehmen lässt. Wir erkennen, dass jeder Schritt wichtig war, um uns genau hierher zu tragen, in diesen Moment, in dieses unendliche Jetzt, das sich vor uns ausbreitet. In diesen Momenten spüren wir den Segen, der auf unserem Weg liegt, den Segen, der unser Leben begleitet. Manchmal ist unser Alltag aber so geschäftig und weit und breit keine Bank in Sicht, sodass wir umherhetzen und uns in Erlebnissen verlieren, ohne sie wirklich zu tiefen Erfahrungen werden zu lassen. Die Tage rauschen an uns vorbei, und schon wieder ist ein Jahr vergangen, von dem wir kaum etwas mitbekommen haben. Wir haben keine Zeit für vermeintliche Kleinigkeiten und bemerken deshalb nicht den Segen, der in ihnen verborgen ist.

(…)

Unsere Traditionen mögen verschieden sein, doch viele Stationen auf unseren spirituellen Wegen gleichen sich. Es gibt vermutlich für jeden Menschen sowohl Momente des Friedens und der inneren Stille als auch Momente der Unruhe und des Unwohlseins. Sie alle sind wichtige Wegmarken, die bestimmte Aspekte unseres Menschseins beleuchten und in denen stets eine Lehre verborgen ist, die nur darauf wartet, von uns entdeckt und gelebt zu werden.
Unser Weg ist niemals eindimensional, geht niemals nur geradeaus. Auch wenn sich manch einer eine bequeme Abkürzung »ins Licht« wünscht, gestaltet sich unsere menschliche Erfahrung meist anders. Sehnsucht, Mut für einen Neubeginn, Stille, Zugehörigkeit und Gemeinschaft, Zweifel, Glaube und Glaubensverlust, Enttäuschung und Befreiung, Gesundheit und Krankheit, Schwellenerfahrungen und Übergänge, Freude und Zuversicht, Dankbarkeit, Abschied – all dies und mehr ist Teil unseres Weges und macht uns zu denjenigen, die wir sind: Wanderer in der Welt, zutiefst menschlich, zutiefst verbunden, getragen von einem Geheimnis, das wir nie gänzlich zu ergründen vermögen.
Die alte Kunst des Segnens besteht darin, uns selbst die Ruhe zu gönnen, die uns genau hinsehen lässt – die jeden Moment, ganz gleich, ob wir ihn als positiv oder negativ erlebt haben, in Zusammenhang mit dem großen Ganzen stellt. Es ist eine Kunst der Achtsamkeit und eine Spiritualität der Dankbarkeit, die jede Tradition ergänzen kann und zu keinem Glauben im Widerspruch steht. Die Kunst des Segnens ist eine Mystik des Alltags, die uns zu einem tiefen Einklang mit der Welt und zu einem stillen Glück inmitten all der Schönheit unseres Heimatplaneten führt.
Ich hoffe, dass die Gedanken, die Übungen und natürlich die Segen in meinem Buch ein klein wenig dazu beitragen können, dass du sowohl den hellen als auch den dunklen Momenten deines Weges ein Lächeln schenken kannst und du spürst, wie wertvoll die Einzigartigkeit deiner Erfahrung ist.

Möge dein Weg gesegnet sein,
mögen Sonne, Regen und Wind sanft deine Haut berühren
und dich immer tiefer in das Mysterium des Augenblicks locken.
Mögest du jeden Schritt deiner Reise wertschätzen,
mögen Erde und Himmel sich in dir vereinen
und die grünen Hügel deines Lebens dich willkommen heißen.



(c) Dirk Grosser



Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der Einleitung meines neuen Buches "Möge dein Weg gesegnet sein", das gerade erschienen ist.


Dirk Grosser

Möge dein Weg gesegnet sein
Segen, die deine spirituelle entwicklung begleiten
200 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8434-1175-2
Schirner Verlag
14,95 €



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