Montag, 25. November 2013

Gemeinsam wachsen


(c) by mattox
Die meisten Hollywood-Schmonzetten enden damit, dass sich das Pärchen nach einigen entweder lächerlichen oder wahlweise hochdramatischen Schwierigkeiten in die Arme sinkt. Als Zuschauer geht man mit dem Gefühl aus dem Kino, dass nun alles gut sei und die wahre Liebe letztlich gesiegt habe.
In der wirklichen Welt ist solch ein Sieg aber in den seltensten Fällen von Dauer, sondern muss täglich zwischen dreckiger Wäsche, finanziellen Herausforderungen und nörgelnden Kindern neu errungen werden. Dazu kommt in manchen Fällen auch noch eine spirituelle Note – und dann wird es richtig kompliziert…

Die eigentliche „Arbeit“, die jede Beziehung erfordert, beginnt erst nach dem ersten romantischen Kuss im Sonnenuntergang. Natürlich kann man diese Arbeit auch vermeiden, wenn beide Partner damit zufrieden sind, nebeneinander her zu leben und sich gegenseitig als mehr oder weniger regelmäßige Beischlafgelegenheit zu betrachten, bei der man nicht allzu viel Emotionen investieren muss. Manchmal kann man auch einfach nur zusammen sein, sich nicht weiter aneinander stören und sich praktischerweise die Lebenshaltungskosten teilen. Vielleicht wären solche Partnerschaften eine Alternative, doch ich wage zu bezweifeln, dass uns fehlende emotionale Tiefe auf Dauer glücklich machen würde.
„Arbeit“ ist natürlich in diesem Zusammenhang ein nicht so schöner Begriff, aber die Offenheit, die Geborgenheit und Freiheit in einer Liebesbeziehung zur gleichen Zeit möglich macht, entsteht meist nicht von selbst. Auch Bruce Springsteen sang schon „I’ll WORK for your love“ – und der ist bekanntlich „der Boss“ und muss es wissen…

Unser Herz für den anderen offen zu halten, ist ein aktiver Prozess, der es verlangt, mit seinem Partner „mitzugehen“, ihn zu unterstützen, ihn zu halten und gleichzeitig freizulassen. Ein Baum kann nur wachsen und gesund bleiben, wenn er auf der einen Seite starke Wurzeln hat, die ihm Halt geben, und auf der anderen Seite über genug Freiraum – den weiten Himmel über sich – verfügt, um sich ganz zu entfalten.
Ähnlich ist es auch mit uns Menschen. Wir brauchen dieses Gleichgewicht aus Geborgenheit und Freiheit, das es uns ermöglicht, alle Facetten unserer Existenz auszuleben.

Wenn wir jetzt glauben, dass Spiritualität die Sache generell einfacher macht, dann irren wir uns gewaltig. Spiritualität ist nämlich nicht selten ein ernstes Problem, da sich – jetzt bitte nicht erschrecken! – spirituell interessierte Menschen oftmals völlig unvorhersehbar entwickeln, was für den jeweiligen Partner nicht immer einfach sein muss. Da ist ein Hobby wie Base-Jumping oder Haitauchen oft leichter zu verkraften.
Aber ernsthaft – es läuft doch oft so: Wir verlieben uns, kommen uns näher, binden uns, und haben dann nach einiger Zeit ein Bild von unserem Partner im Kopf, eine Erwartung. Genau diese Erwartung ist aber der Grund, warum viele Partnerschaften nicht funktionieren. Plötzlich sehen wir, dass sich etwas beim Partner entwickelt, das gar nicht mehr dem Bild entspricht, welches wir von ihm haben.
Auf spirituellen Seminaren begegnet man immer wieder Frauen, die sich 25 Jahre um die Familie gekümmert haben und sich jetzt, da die Kinder aus dem Haus sind, anderen Dingen zuwenden. Und oft hört man dann auch die Klage, dass sich die Männer mit dieser Entwicklung so gar nicht anfreunden können. Ihnen wäre es lieber, wenn alles so bliebe wie bisher…
Doch ist es nicht ein großes Geschenk, wenn wir Menschen dabei begleiten können, sich zu entwickeln und zu entfalten? Haben wir wirklich so viel Angst, dass wir uns wünschten, Menschen wären statisch und blieben immer gleich?

Da wären wir wieder bei der „Arbeit“, unser Herz für den anderen offen zu halten. Das betrifft übrigens immer beide Seiten, was von den genannten Damen auf den Seminaren auch gern einmal übersehen wird. Wenn ein Partner spirituell interessiert ist und der andere nicht, so braucht es von beiden Seiten Akzeptanz. Um es ganz klar zu sagen: Wenn jemand seine Spiritualität entdeckt, wird er in den seltensten Fällen in eine Höhle im Himalaya ziehen und sich fortan nur noch mit dem Yeti unterhalten. Und genauso wenig ist jemand, dem AC/DC mehr sagt als Jesus oder Buddha, kein Idiot, der den ganzen Tag in der Nase bohrt.
Es ist möglich, sich an einem Ort zu treffen, der Geborgenheit bietet, einem Ort, an dem Liebe ihren Raum hat. Und gemeinsam kann man feststellen, dass dieser Ort keine Wände hat, die uns einsperren. Wenn Wände auftauchen, dann sind sie aus Angst gemacht – und mit Angst kann man gemeinsam umgehen.

Den Partner zu brauchen, mag manchmal anheimelnd klingen, ist es aber zu wörtlich gemeint und jemand scheint ohne seinen Partner nicht lebensfähig, wird es eher peinlich als romantisch.
Wir können unseren Partner ruhig freilassen und ihm den Raum geben, den seine Entwicklung jetzt benötigt. Wir werden mit einem glücklichen Menschen an unserer Seite belohnt werden. Und umgekehrt können die spirituell Interessierten unter uns den Menschen neu schätzen lernen, zu dem sie zurückkehren und dessen Bodenständigkeit sie ebenfalls erdet.

Wovor sich auch ängstigen? Selbst der Yeti ist doch ein recht einsilbiger Gesprächspartner und AC/DC recyclen jedes Jahr nur ihre eigenen Riffs. Leben und leben lassen war schon immer ein guter Rat…
Wem auch immer sei Dank, dass Menschen unterschiedlich sind. Gerade diese Unterschiede fordern uns heraus und machen das Leben spannend.
Bestimmt ist es schön, gemeinsam zu meditieren und gemeinsam einem bestimmten spirituellen Weg zu folgen. Doch wenn man aus völlig unterschiedlichen „Lagern“ stammt und sich gegenseitig respekt- und liebevoll hinterfragt, kann das beide Partner mehr beflügeln als wenn man sich nur immer wieder selbst bestätigt und sich versichert, dass man schon „auf dem richtigen Weg“ sei.

Um nochmal kurz vor Ende dieses Artikels die Kurve zu kriegen: Die wirklichen Helden kann man nicht im Kino bestaunen, sondern in seiner Nachbarschaft. Paare, die füreinander lebendig bleiben, die ihre Unterschiedlichkeit wertschätzen (auch wenn sie manchmal darüber schmunzeln müssen), die einander Raum geben und bei denen der Abwasch und die Kindererziehung sowohl von der praktizierenden Buddhistin als auch vom Wrestling-Fan übernommen werden. Paare, die einander Halt geben und gleichzeitig die Freiheit schenken, sich ihrem Charakter gemäß zu entwickeln – die getrennt zum Meditationsseminar und zum Monstertruck-Rennen gehen, aber dennoch gemeinsam auf dem Weg sind, ganz sie selbst zu werden, und sich dabei mit all ihrer Authentizität zu unterstützen!

Dirk Grosser

Vielen Dank an Christiane Schöniger vom Magazin SpiritLive, die meinen Artikel in der aktuellen Ausgabe veröffentlicht hat.



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