Donnerstag, 12. September 2013

Die Berge Kaliforniens



(c) A. Karnholz - fotolia.com
Die Kunst des nature writings ist hierzulande noch wenig bekannt, so wenig, dass es noch nicht einmal ein deutsches Wort für diese Form des Schreibens gibt. Zwar gibt es auch bei uns Autoren wie etwa Andreas Weber oder Jürgen Goldstein, die sich diesem Genre zugetan fühlen und sie heute neu beleben, doch die Ursprünge dieser Literaturgattung liegen eindeutig in den USA, woher auch ihre berühmtesten Vertreter kommen: Henry David Thoreau, Ralph Waldo Emerson, Walt Whitman und vor allem John Muir.

Muirs Schriften sind Klassiker des nature writings. Die Berge Kaliforniens erschien erstmals 1894 und liegt nun auch endlich in deutscher Übersetzung vor. Das Buch verbindet intensive Naturbeobachtung und Naturbeschreibung mit gesellschaftlichen Überlegungen und tiefgehenden spirituellen Erfahrungen. Die Natur war für Muir der Tempel Gottes, in ihr konnte er alles finden, was für ihn wesentlich war.

Er lässt sich verzaubern von den Wäldern, den Sonnenstrahlen, den Bewegungen der Tiere, dem Plätschern eines Baches, dem Ziehen der Wolken. Er lässt sich berühren vom Wind, vom kalten Regen und von der Hitze des Tages. Er lauscht, hört auf jedes noch so kleine Geräusch, welches aneinander reibende Äste oder kleine Tiere im Unterholz von sich geben. Alles, was ihn umgibt, regt ihn zu tiefen Gedanken über die Welt und die Rolle des Menschen in ihr an. Und er schafft es, diese Gedanken in einer unmittelbar berührenden Sprache zu vermitteln, die mit ihrer Schönheit und ihrer heute noch drängender gewordenen Aktualität beeindruckt. Wenn er davon schreibt, wie wir Menschen gemeinsam mit den Tieren und den Bäumen die Milchstraße entlangwandern, wenn er das Wesen der Bäume erfasst und diese so beständig erscheinenden grünen Gesellen als wahre Reisende tituliert, wird der mystische Zugang deutlich, den Muir zur Welt hatte. Ein Zugang, der ihn letztlich dazu brachte, mit dem Yosemite-Nationalpark ein riesiges Schutzgebiet zu schaffen und als sogenannter „Wildnisprophet“ oder auch „Bürger des Universums“ in die amerikanische Geschichte einzugehen.

Mir ist es eine große Freude, dass der Berliner Matthes & Seitz Verlag diesen Autor nun auch endlich einem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht. Diesem verlegerischen Mut gebührt höchste Anerkennung, denn ein Bestseller wird Muir wohl hierzulande nicht gerade werden. In Zeiten immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen, sind seine Überlegungen, die sich viel Zeit und viel Ruhe lassen, für viele heutige Leser wahrscheinlich eine Herausforderung. Doch es lohnt sich, die Welt durch Muirs Augen zu betrachten, neu zu entdecken, wie viel Sinn in einem kurzen Gesang eines Vogels oder dem Wechsel der Jahreszeiten offenbar werden kann. Wenn in Muirs Worten die untergehende Sonne die Bäume in bernsteinfarbenes Licht taucht und ihnen zuwispert, dass ihr Friede auf ihnen liege, dann kann dieser Friede auch in unserer Seele lebendig werden.

Dirk Grosser


 








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