Freitag, 15. Februar 2013

Das Licht einer größeren Wirklichkeit


Ein anderer Blick auf Indien

Vrindavan, Indien – mythischer Kindheitsort des Gottes Krishna, Stadt der 5.000 Tempel und heutiger Pilgerort. Träge bewegt sich der Fluss Yamuna im Morgendunst an den Steinstufen der befestigten Ufer entlang. Die ersten Sadhus, ein paar wenige Touristen und die ersten Pilger aus Ost und West atmen gemeinsam die Stille ein, die den Morgen umhüllt.
Hier ist das spirituelle Indien spürbar. Das Indien, das den GEIST sichtbar und erfahrbar werden lässt. Wo ein Bild entsteht, das transparent ist für das Immaterielle, für eine Wirklichkeit, die all das Alltägliche – den Fluss, die Stadt, die Menschen, die Affen und Kühe, die Rituale und die bescheidenen Opfergaben – umfasst und gleichzeitig auf so viel mehr verweist.

(c) André Wagner

Stille in der Tiefe


Indien wird oft als grell wahrgenommen und in der üblichen Berichterstattung auch so dargestellt: laut, dreckig, chaotisch, bunt, manchmal gar geckenhaft. Der Blick des Westlers, konditioniert auf Extreme.
Doch ein Morgen wie dieser zeigt das andere Indien. Ein Ort, an dem Stille nichts mit den Geräuschen der Umgebung zu tun hat, sondern wo sich eine innere Qualität auf geheimnisvolle Weise in der äußeren Welt manifestiert und die Grenzen zwischen beiden Welten verwischen. Der Fotograf André Wagner hat viele solcher Morgen erlebt, denn er ist gern im weichen Halblicht unterwegs: In der Abenddämmerung, wenn, wie er schreibt „die Inder ihr Land durch einen Seitenausgang zu verlassen scheinen… und sich plötzlich Leere offenbart“; frühmorgens, wenn die Welt noch nicht ganz wach ist, die Augen ausgeruht, der Geist unverbraucht.
In diesen Zwischenzeiten entstehen Wagners Fotos. Wenn das erste oder das letzte Licht des Tages das Orange eines Schals trifft, den sich ein Sadhu kunstvoll um den Kopf geschlungen hat, wenn sich Rikshas im Nebel und Staub aufzulösen scheinen, wenn die Augen eines Pilgers in einer größeren Wirklichkeit versinken, wenn ein Lächeln nicht für die Kamera aufgesetzt wird, sondern aus einem Ruhen im Transzendenten aufscheint.

Vom Göttlichen berührt

(c) André Wagner
Ich mag Wagners Blick auf Indien, der nicht nur viele Farben zeigt, sondern vor allem die Harmonie dieser Farben, die sich in einer respektvollen Haltung dem Leben gegenüber ausdrückt. Hier wird deutlich, was ein Land wie Indien dem Westen schenken kann. Wenn sich die Besitzer kleiner Verkaufsstände zu ihrem Morgenritual begeben, um die Götter um Unterstützung für ihre alltäglichen Geschäfte zu bitten; wenn ein Gläubiger am Straßenrand Niederwerfungen praktiziert und sich weder die Passanten und Autofahrer an ihm stören, noch er sich an ihnen; wenn die Affen am Berg Govardhana gefüttert werden oder Hirtenkinder mit Wasserbüffelkälbern spielen – die Vielfalt des Alltags ist Teil eines eigenen Kosmos voller Mystik, voller Berührung des Göttlichen.
Trotz Armut auf der einen Seite und technologischer Entwicklung auf der anderen, bewahrt sich Indien seine spirituelle Identität. Heilige Flüsse fließen nicht nur durch Landschaften mit kargen Steppen, wilden Bergen oder blühenden Mangohainen, sondern auch an Dorfschulen vorbei und durch verwirrend wuselnde Städte. In Dörfern und Großstädten gibt es heilige Bäume, die von Menschen umrundet werden, um Segnungen zu erhalten – und heilige Kühe blicken mit ihren sanften Augen auf eine Kultur, die sie nicht so schändet wie ihre Verwandten im Rest der Welt es erfahren müssen.
Kommen wir Indien nah, so erkennen wir, dass die heiligen Flüsse ihre innere Entsprechung in den heiligen Strömen finden, die durch die Herzen der Menschen fließen und oft in ihren Augen zutage treten. Ebenso sind die Bäume Bilder eines Mittelpunktes im Leben, der in der inneren Erlebniswelt den wahrhaft lebendigen, da lebendig und wert gehaltenen Göttern entspricht. Und ein beredteres Symbol für eine innere Haltung der Achtung vor einer anderen Kreatur als eine indische Kuh – die als Mutter, die alles Leben schenkt, angesehen wird –, lässt sich schwer finden.
Spiritualität ist in Indien offen, nicht nur im Sinne einer großen Vielfalt, sondern vor allem im Sinne einer offen gelebten Beziehung zum Göttlichen, zum Absoluten, zum Ursprung und Geheimnis des Lebens selbst.
Indien lässt einen tiefen Blick zu und versteckt sich nicht. Wir müssen nur Stille atmen, uns vom  Morgendunst einhüllen lassen und sehen lernen…

Dirk Grosser



   







André Wagner: Reflections of India




Vielen Dank an das Magazin DAS WESENTLICHE, in dessen aktueller Ausgabe mein Artikel erschienen ist.  

 

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