Mittwoch, 1. August 2012

Wolfworte

(c) Petra Kohlstädt
Seit Sonne und Mond das Licht machen, kenne ich dich. Ich habe dich aus dem einst undurchdringlichen Wald beobachtet. Von Bergkämmen aus sah ich dich jagen und beneidete dich um deine Beute.
Ich habe die Reste deiner Mahlzeiten gegessen und du die meinen.

Ich habe deine Lieder gehört und deine tanzenden Schatten um helle Feuer gesehen. Zu einer Zeit, die so weit zurückliegt, dass ich mich kaum erinnern kann, schlossen sich einige von uns euch an und saßen mit am Feuer.
Wir wurden Mitglieder eurer Rudel, jagten mit euch, beschützten euch, liebten euch.
Wir haben eine lange Zeit miteinander verbracht. Wir waren uns sehr ähnlich. Daher habt ihr die Zahmen adoptiert.
Ich weiß, daß einige unter euch mich, den Wilden respektieren. Ich bin ein guter Jäger. Auch ich habe euch respektiert. Ihr wart gute Jäger. Ich habe euch beobachtet, wie ihr zusammen mit den Zahmen im Rudel gejagt und erbeutet habt.

Damals herrschte kein Mangel. Damals gab es nur wenige von euch. Damals waren die Wälder groß. Es war eine gute Zeit. Manchmal hab ich dich bestohlen, so wie du mich. Erinnerst du dich, als du hungertest, der Schnee tief lag, und du das Fleisch gegessen hast, das wir getötet hatten?
Es war ein Spiel. Es war eine Schuld.
Manche mögen es ein Verbrechen nennen.

Viele der Zahmen und die meisten von euch sind uns sehr fremd geworden.
Einst waren wir so ähnlich. Du hast auch das Fleisch zahm gemacht. Als ich damit anfing, dein zahmes Fleisch zu jagen, hast du mich gejagt. Ich verstehe das nicht. Ich sah, daß deine Rudel größer wurden und gegeneinander kämpften. Ich habe deine großen Schlachten beobachtet. Ich tat mich gütlich an denen, die liegen blieben. Da jagtest du mich noch mehr. Ich verstehe das nicht. Sie waren Fleisch. Du hast sie getötet.

Wir Wilden sind nicht mehr viele. Du hast die Wälder klein gemacht. Du hast viele von uns getötet. Aber ich jage noch und füttere unsere jungen Welpen.
Das werde ich immer tun. Ich frage mich, ob die Zahmen, die mit dir leben, eine gute Wahl getroffen haben. Sie haben den Geist verloren, in der Wildnis zu leben. Sie sind zahlreich, aber sie sind fremd. Wir sind wenige. Noch immer beobachte ich dich, daher kann ich dich meiden.

Ich glaube, ich kenne dich nicht mehr.

Von Jim Brandenburg. Aus seinem Buch "Bruder Wolf. Das vergessene Versprechen."

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