Freitag, 29. Juni 2012

Freiheit und Verbundenheit

Zu sein, was wir sind, und zu werden, was wir werden können,
ist der einzige Sinn des Lebens.
Robert Louis Stevenson
 
Uns selbst treu sein und einen Weg gehen, der uns in die Weite und in die Freiheit führt, wahrhaftig sein und immer mehr sowohl in die eigene als auch in die Tiefe des Seins als solchem vordringen, jeden Moment schätzen lernen und Dankbarkeit dem Kosmos und dem Leben gegenüber entwickeln, uns selbst und andere lieben, dabei Freude und Kraft atmen ... – das bedeutet für mich, wirklich spirituell zu leben!

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Die Masken fallen lassen. Offen aufeinander zugehen. Unsere Erfahrungen miteinander teilen und voneinander lernen. Uns nicht von anderen abgrenzen müssen. Nicht eng im Herzen werden, sondern es durch die eigene Beziehung zum Universum, die jeden anderen individuellen Weg wertschätzt, immer offener werden lassen. Uns die Hände reichen. Liebe finden, Frieden stiften.

Wie können wir dieses Ideal erreichen, was vermutlich sehr viele Menschen haben, aber doch offenbar nicht leben können?
Wie können wir uns miteinander verbinden, für das große Ganze einstehen und dennoch ganz wir selbst, mit allen Aspekten unserer Individualität bleiben? Wie können wir uns selbst als Holon entdecken, in dem ALLES enthalten ist und welches dieses ALLES auf seine ganz eigene Art lebt?


Religionen und Philosophien versuchen seit langer Zeit, darauf eine Antwort zu geben, doch lange bevor sich die einzelnen Religionen, wie wir sie heute kennen, gebildet hatten, gab es schon die Mystik, die stille Vereinigung mit dem Urgrund allen Seins. Die Mystik war lebendig, bevor die Weltreligionen entstanden, sie war stets im Untergrund dieser Wege auffindbar und sie wird auch noch blühen, wenn die einzelnen Religionen ihre letzte fruchtbare Kraft verlieren und nur noch Museumsstücke sind. Sie entstand in Nächten, in denen die Welt tief atmete, auf dunklen Ebenen an einsamen Lagerfeuern, auf hohen Bergen, die in den Sonnenaufgang getaucht waren, in Wäldern, die vor Leben brodelten und in Wüsten, in denen die Stille sprach.

Wir finden sie innerhalb jeder Tradition in den Spuren von Menschen, die ihre eigene Beziehung zum Strom des Heiligen, der durch den Kosmos fließt, lebten und diesen nicht durch die Staudämme etablierter Religionen und gesellschaftlicher Konventionen hindern lassen wollten und konnten.

Während die klassische Theologie unterschiedliche Konzepte präsentiert, über die diskutiert, gestritten und manches Mal sogar Kriege geführt wurden und werden, betont die Mystik das Erleben des geheiligten Kosmos, welches schließlich alle Gottesvorstellungen hinter sich lässt und in eine bewusste Schau des hier und jetzt Gegebenen mündet. In diesem direkten Erleben lösen sich die trennenden Konzepte der unterschiedlichen Religionen auf – hier ist nur noch eigenes Erleben einer nährenden Stille. Diese Stille ist von einem personalen Gott befreit, dessen Ursprung als psychologische Projektion unserer selbst begriffen wird. Die Mystik hat keine heiligen Bücher, deren Inhalt nicht angezweifelt werden dürfte, weil jedem Mystiker bewusst ist, wie wenig seine Sprache ausreicht, um das Erlebte auszudrücken. Stattdessen hat die Mystik Staunen, Verwunderung, unzählige Rätsel, innere Ergriffenheit und die zärtliche Berührung des weiten Raums, der uns umgibt und erfüllt.

Jeder der großen Religionsstifter war ein Mystiker, der in Kontakt mit dem kosmischen Strom des Seins war, ganz unabhängig davon, wie er es benannte. In ihren Versuchen, die eigene Erfahrung mitzuteilen, griffen diese Menschen meist auf Geschichten, auf Gleichnisse oder auf Poesie zurück – alles Arten des Erzählens, die viel Raum zwischen den Worten freigeben, damit sie vom Hörer mit eigenen Bildern des Herzens gefüllt werden können. Gleich wie das Erlebte bezeichnet wurde, ob Gott, Tao, Leere oder reines Sein, der Name war stets nicht die Sache selbst.

War Buddha ein Buddhist?
 

War Jesus ein Christ?
War Laotse Taoist? 
Muss ich irgendetwas sein?

Wenn die Illusion der Trennung endet, treten wir gemeinsam mit allen Menschen, egal welcher Religion oder Lebensanschauung sie angehören, in den Raum der Einheit.
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Den Raum, den vor uns schon so viele Mystiker betreten haben. Den namenlosen Raum, von dem Buddha als auch Jesus sowie Laotse sprachen. Den Raum, den sowohl die keltischen Druiden als auch die germanischen Walas und die Brahmanen Indiens vor uns betraten und dessen Deutung sie uns in den jeweiligen Überlieferungen hinterließen. Nur in diesem Raum kann wahrer Friede und wahre Freiheit sein. Religionen und Philosophien sind im besten Falle Türen, die zu diesem Raum führen, aber es macht wenig Sinn, sein ganzes Leben vor einer wenn auch noch so schönen Tür stehen zu bleiben und diese zu bewundern. Wir müssen die Tür öffnen und den Raum dahinter betreten...Dieser Raum ist Leere, ohne Bezeichnungen, ohne Konzepte. Wir treten über die Schwelle und fallen. Das mag sich zuerst nicht sonderlich angenehm anfühlen – Ängste kommen hoch, vielleicht sogar Panik... Vielleicht versuchen wir nach vermeintlichen Sicherheiten zu greifen, doch letztlich greifen wir nur ins Leere.

Irgendwann spüren wir jedoch, dass dieser freie Fall genau der Ausdruck von Freiheit ist, den wir immer gesucht haben. Wir begreifen, dass dieser Fall nicht enden wird, dass der offene Raum des Geheiligten Universums unendlich groß ist, wir nicht am Ende hart aufschlagen werden, weil es kein Ende gibt... Wir können wirklich loslassen und den Flug genießen! Einen Flug, der uns in die Tiefe unseres Selbst und in die Tiefe all dessen führt, was ist. Einen Flug durch den Kosmos, der in jedem Moment das Leben in allem, was ist, berührt.

Dann können wir der Welt ein einzigartiges Geschenk geben: uns selbst. Wir müssen uns an kein System anpassen, wir müssen keine vorgegebene Rolle spielen – wir müssen unsere Menschlichkeit mit allen Fehlern und Schwächen, aber auch mit allen Stärken und Gaben erkennen und annehmen. All das gehört auf dieser Reise dazu, ist Ausdruck der Vielfalt in der Einheit. Unsere Einzigartigkeit macht diesen Kosmos noch einzigartiger und besteht jenseits von Ideen, Theorien und Modellen. Wir brauchen weder Masken noch Namen, sondern nur die Wirklichkeit selbst. Wir können die namenlose Kraft, die uns auf unserer Reise durch den Kosmos begegnet, einatmen und uns von ihr durchströmen lassen. Diese Zugehörigkeit, die jenseits von Begriffen existiert, stärkt und verwurzelt uns, indem sie uns fühlen lässt, wie unser Herz im Einklang mit dem Rhythmus des Lebens als solchem schlägt. Gleichzeitig können wir diese Kraft durch unsere Gedanken, Worte und Taten wieder ausatmen und versehen mit unserer individuellen Färbung wieder dem Leben zurückgeben. Die Wirklichkeit lebt und wirkt durch uns, die wir als Teil eines unermesslichen Kreislaufs die Grenzen unserer vorgefassten Begrifflichkeiten hinter uns lassen.

Mystik fängt dort an, wo Bezeichnungen enden. Der Mystiker erfährt die eigene Beziehung zum Universum, welche sich in einer Kosmologie ausdrückt, die ihn immer tiefer in das Sein hineinführt. Die Kosmologie des Mystikers ist keine theoretische Abhandlung, sondern eine lebendige Begegnung. Sie ist aber auch nicht reine Subjektivität, sondern bezieht Erkenntnisse aus Natur- und Geisteswissenschaften mit ein. Sie entwickelt sich aus Wissenschaft, Kunst, Philosophie, authentischer Spiritualität und echter Erfahrung und beeinflusst diese gleichsam.
Kosmologie und Mystik verbinden sich zu einem Weg in die Tiefe des Lebens, das eine kann ohne das andere nicht sein. Gemeinsam sind sie Ausdruck des Geheiligten Mensch-Seins in einem Geheiligten Universum. Ge-heiligt sowohl als aktive Tätigkeit unseres eigenen Segnens als auch als passives Erfahren einer gründenden Heiligkeit des Kosmos und all seiner Wesen.
In dieser beidseitigen Erfahrung wird unser Herz größer und offener, so dass wir irgendwann gemeinsam mit dem großen Dichter Walt Whitman sagen können: „Mein Herz ist weit. In mir hat vieles Platz.“


 
 

Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus meinem Buch "Selbst ein Anfang sein".
Mehr zum Buch in der neuen Rubrik "Veröffentlichungen".

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