Donnerstag, 28. Juni 2012

Die Seele des Waldes

Zwischen bemoosten, knorrigen Gestalten und goldenem Dunst bewegt sich eine ganz eigene Welt. Ein rotbrauner Fellblitz schießt den Baum herauf, winzige Füße trippeln durch verwelktes Laub am Boden, hier knackt es, dort ruft es, man kann das Wild riechen, die Schwingen der Vögel und das unermüdliche Klopfen des Spechts hören. Unter jedem Stein, unter jeder Rinde kriecht und krabbelt es, jeder Zentimeter Raum ist erfüllt von Leben. 

Cernunnos (c) Voenix

Obwohl tausend Stimmen ertönen, herrscht in uns eine eigentümliche, beruhigende Stille. Eine Stille, die uns tief lauschen lässt, die unseren Geist in die Melodie des Waldes hineinfallen lässt. Der Wald singt seine Seele mit der ehrfurchtgebietenden Stimme Freyrs und dem Grunzen seines Ebers, mit den kehligen Liedern Cernunnos‘, mit dem lieblichen Flüstern Sequanas, mit den weit gewanderten Versen Grimnirs und mit den Flöten des Pan, wie Vivianne Crowley uns in einem ihrer wunderbaren Gedichte erzählt:

In tiefen Höhlen schlafen die Alten Götter
Doch noch immer erkennen die Bäume ihren Herrn
Und es sind die Flöten des Pan
Die das alte Lied erklingen lassen
Im Zwielicht in den Wäldern
Tanzen die Blätter zur Melodie des Ziegengottes
Und wispern seinen Namen in den Wind
Der Eichenbaum träumt von einem Gott mit Hörnern
Und weiß von keinem anderen König

Mit uralten Bildern berührt uns die Seele des Waldes und schenkt uns selbst ein neues Lied, welches uns verwandelt. Der Physiker Brian Swimme schreibt (ich habe es in diesem Blog schon einmal zitiert, weil ich es für überaus wichtig halte und es sich mit meinen Erfahrungen deckt): „Das Ich, das in den Wald hineinging, wird es nicht länger geben, denn du wirst neu sein, du wirst die Gegenwart des Waldes mit dir tragen. Die Wälder sind voll von lebendiger Musik auf allen verborgenen Ebenen des Seins, und wenn du diese Musik hörst, dann weißt du, dass der Wald jede Zelle deines Körpers durchdrungen hat.“
Wenn wir uns vom Wald berühren lassen und den alten Bildern, Mythen, Göttern und Archetypen erlauben, in uns aufzuscheinen, kommen wir wieder in Kontakt mit der Natur, mit unseren Ahnen, mit unseren Wurzeln, mit uns selbst. Unsere Seele ist dann mit der Welt verbunden, kreativ, fruchtbar und nicht länger in eingebildeter Abtrennung erstarrt. Wie beim Künstler und Mythenkenner Voenix (von dem die hier abgebildete Illustration von Cernunnos stammt) drückt sich diese Fruchtbarkeit und Kreativität, die sich aus tiefen Wurzeln nährt, dann in unserem Alltag aus, trägt die Seele des Waldes in unsere Städte und die Weisheit der alten Götter und Göttinnen in die Moderne. Das alte Lied im Zwielicht der Bäume verbindet uns mit der ursprünglichen Kraft, die alle Wesen umgibt und durchdringt... Wie tief, wie achtsam können wir lauschen? 
Diese wahrhaftige Kommunikation mit dem Lebendigen ist der beste Weg, dem in unserer Gesellschaft immer weiter um sich greifenden Gefühl der Entfremdung entgegenzuwirken und gleichzeitig ein zukunftsfähiges Umfeld für die uns nachfolgenden Generationen zu schaffen.
Wer dieses beseelte Leben mit all seinen tierischen, menschlichen, archetypischen und göttlichen Qualitäten erlebt, schützt dieses Leben, das auch ihn selbst erfüllt.


Mehr zu Cernunnos und anderen keltischen Göttern findet man hier:










Voenix: Der keltische Götterhimmel


Übrigens: Ein umfassendes Leitbild des Arun-Verlags sowie weitere Artikel und Interviews mit Autoren sind auf dem Blog des Verlags zu entdecken.  

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