Freitag, 27. April 2012

Zeiten des Wandels

(c) Patryk Kosmider - Fotolia.com
Kein spirituelles Magazin und kaum eine Verlagsvorschau kommen heute noch ohne den Hinweis darauf aus, dass wir uns in Zeiten fundamentaler Umbrüche befinden, dass sich alles (natürlich inklusive nicht messbarer Schwingungen) ändert und dass wir entweder dem Weltuntergang oder einem völlig neuen, goldenen Zeitalter entgegengehen. Die Annahme, dass „unsere Zeiten“ ach so besonders seien und aus der gesamten Historie herausstechen, teilten allerdings fast alle Menschen zu allen Epochen der Weltgeschichte. Die sogenannte „Zeit der streitenden Reiche“ in China dauerte 250 Jahre lang und war geprägt von endlosen Kriegen und Konflikten, war gleichzeitig aber auch die Blütezeit der chinesischen Philosophie und daraus resultierenden, umfassenden sozialen und wirtschaftlichen Reformen. Die Apokalyptiker zu Jesu Zeiten hätten bestimmt auch gern einen Maya-Kalender mit Countdown-Funktion ihr Eigen genannt und die Menschen, die zur Zeit der Völkerwanderung lebten, fühlten sich gewiss auch nicht sicher wie in Abrahams Schoß. (Übrigens eine Redewendung, die ich noch nie verstanden habe… Wie sollte man sich bei einem religiösen Fanatiker mit einem Opfermesser in der Hand geborgen fühlen?!)
Und wie werden sich wohl die Menschen in Nord- und Mitteleuropa gefühlt haben, als das Christentum seinen großen Aufstieg erlebte und die heidnische Erlebniswelt zum Niedergang verurteilte?! Welchen Umbruch erlebten die Menschen der Reformation, als sie die Bibel erstmals selbst lesen konnten und nicht mehr allein auf die Vermittlung durch Priester angewiesen waren? Was geschah mit dem Weltbild in der Renaissance, als wiederentdecktes antikes Wissen und die Wissenschaften sich langsam gegen kirchliche Dogmen durchzusetzen begannen? Wie erlebten die Menschen die Aufklärung, als Adel und Klerus immer mehr ihre Macht verloren und die Ideen von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sich entfalteten? Welche Veränderung für Gesellschaft und Geistesgeschichte kulminierte allein in Einzelpersonen wie Siddhartha Gautama, Kopernikus, Luther, Descartes, Newton oder Darwin?
Alexander von Humboldt (1769 -1859)
Das Wesen der menschlichen Kultur war schon immer der Wandel. Er ist es auch heute und wird es hoffentlich immer bleiben, denn Wandel bedeutet auch Entwicklung. Deshalb gibt es keinen Grund, Außerirdische um Hilfe anzuflehen, Einhörner zu belästigen oder uns von unvollständigen Kalendersystemen und ihren selbsternannten Propheten Angst einjagen oder das Blaue vom Himmel versprechen und das Geld aus der Tasche ziehen zu lassen. Wir sollten eher achtsam unsere Welt beobachten, die menschliche Ideengeschichte rekapitulieren und mutig aus uns selbst heraus Neuland betreten. Alexander von Humboldt sagte: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derjenigen, die die Welt nicht angeschaut haben." Wandel ist der „Normalzustand“ und wenn wir entdecken, dass wir uns in einer langen Tradition des Umgangs mit dem Wandel befinden, können wir lernen, die Weisheit der Menschheit, die sich durch alle schwierigen Zeiten hindurch entwickelt hat, zu nutzen und wahrhaft etwas für unsere Zukunft – die immer die Summe unseres Handelns sein wird – zu tun. 


Besten Dank an das Magazin News Age, das meine Kolumne in der aktuellen Ausgabe veröffentlicht hat... 
Mehr über Veränderung und das Anschauen der Welt findet sich hier:











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