Montag, 16. April 2012

Snow White oder Schneewittchen?

Dieses Frühjahr ist Märchenzeit: Gleich zwei Verfilmungen des Grimmschen Klassikers „Schneewittchen“ kommen in die Kinos. Zum einen die kostümierte Komödie „Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“, bei der schon der Trailer so platt und unlustig ist, dass ich den Rest gar nicht sehen möchte, zum anderen die eher Herr-der-Ringe-mäßige Adaption „Snow White and the Huntsman“, mit mächtig viel Schwertgeklirre, Waldmonstern und düsterem Zauber. Da mich das viel mehr anspricht, hier von letzterem hier mal ein Trailer:


Welche Version auch immer man bevorzugen mag, auffällig ist, dass die Märchen selbst offenbar nichts an ihrer Faszination verlieren. Die grundsätzliche Story, der grundsätzliche Konflikt, die guten und bösen Charaktere, die Magie und die Reise des Helden oder der Heldin… All das ist nach wie vor etwas, das uns in Bann schlägt. In Märchen findet sich eine initiatorische Botschaft, die aus ferner Vergangenheit zu uns herüberreicht. Leider kennen viele Menschen nur noch die verniedlichten Disneyversionen der Märchen – und selbst die Grimmschen Geschichten sind schon arg verharmlost. Kenny Klein hat für sein Buch „Es war einmal…“ nach den Ur-Versionen dieser Märchen in Deutschland, England, Frankreich, Russland und der Schweiz geforscht und ein ganz anderes Verständnis dieser Geschichten gewonnen. Hier ein Auszug aus seinem Buch:

Diese Märchen haben uns geprägt, uns geformt, haben ihren Anteil dazu beigetragen,uns zu dem zu machen, was wir werden sollten. Sie haben uns gelehrt,zu analysieren; sie lehrten uns Moral und Tugend. Sie gaben uns ein Gefühl von Individualität.Doch die meisten von uns haben diese Märchen noch nie so gehört, wie sie ursprünglich einmal von Bauern, Milchmädchen und am Spinnrad sitzenden Hebammen erzählt wurden. Wir haben diese Geschichten als Kinder nicht von alten Großmüttern gehört, die in einem Kessel über dem Herdfeuer Porridge kochten und beim Rühren Märchen erzählten. Oder von einer deutschen Hausfrau beim Butterschlagen, die die Märchen ihrer Kindheit erzählt. Nein, wir haben sie im Fernsehen gesehen oder im Kino, schaudernd vor auf Zelluloid gebannten Bildern, geschaffen von Disney und anderen cineastischen Ikonen. Wir haben sie wieder und wieder gesehen. Ihre Charaktere wurden zu unseren Freunden und waren als Spielgefährten in unseren Fantasien und Träumen an unserer Seite. Wir lernten diese Märchen so gut kennen, dass wir sie bis zum heutigen Tag auswendig wiedergeben könnten. Jedenfalls glauben wir, dass wir das könnten.

Diese Märchen sind sehr alt. Viel älter als Jacob und Wilhelm Grimm, die Brüder, die ihr Leben dem Sammeln und Katalogisieren von hunderten dieser seltsamen Erzählungen gewidmet hatten. Weitaus älter auch als die viktorianischen und edwardianischen Illustratoren, die ihre Figuren in königliche Gewänder und Bauernkleider hüllten. Sie stammen aus finsterster Vorzeit. Sie entstammen den Erzählungen von Waldweibern und französischen Bauern, die während jahrzehntelanger Kriege und Hungersnöte lebten. Sie reichen zurück bis in die Tiefen der Vergangenheit – lange vor den Annehmlichkeiten der viktorianischen Ära, lange vor den Troubadouren der Renaissance und den langen Spielmannsliedern des Mittelalters. Sie sind so alt wie Rom, wie die griechische Antike, wie Persien und die Kelten, die auf der Suche nach Spiel und Abenteuer durch Europa zogen. In den hübschen Märchen von Schneewittchen und Dornröschen schlummern die Samen uralter Zungen und längst vergessener Sprachen, die unseren Ohren so fremd sind, dass wir sie schulterzuckend für das reinste Kauderwelsch erklären würden, wenn wir sie vernähmen.Weitergereicht von Mutter zu Tochter, von Vater zu Sohn, den Kindern erzählt an den Feuern alter Hütten, in den Jurten der weiten Ebenen oder an den warmen Öfen rustikaler slawischer Bauernhäuser, werden die Märchen seit Anbeginn der Zeit in Ehren gehalten. Mit den Werkzeugen, Bräuchen und Geschmäckern der Märchenerzähler haben sie sich von Generation zu Generation verändert, einige Elemente gingen verloren, andere wurden hinzugefügt, während die religiösen Überzeugungen und die Moralvorstellungen der Menschen sich in stetem Wandel befanden.
Vielleicht kommen sie dir wie unschuldige, harmlose Geschichten vor, doch im Grunde sind sie Erinnerungen an die frühesten Jahre der Menschheit, der gemeinsame Nenner, den alle Kinder miteinander teilen. Welches kleine Mädchen hat nicht davon geträumt, dereinst seinen Prinzen zu heiraten? Welcher Junge sich nicht danach gesehnt, die hilflose Jungfrau vor ihrer bösen Stiefmutter zu erretten?
Doch diese Märchen sind weitaus gruseliger, finsterer und rätselhafter als die Versionen, die dir vermutlich bekannt sind. Im Kern dieser Märchen ruht ein tiefer Zauber, der Kern der allerältesten Mythen und Glaubensvorstellungen. Durch sie können wir einen Blick erhaschen auf Feen und unsterbliche Wesen – Nixen, Kobolde und Nymphen – Wechselbälger, die sich in die Spielgefährten unserer Kindheit verwandelten. Kratzen wir an der Oberfläche der Geschichten um diese winzigen Helden und Heldinnen, stoßen wir auf einen Grund voller Mythen, magischer Rituale, Göttinnen und Götter, verwunschener Wesen und
uralter Überlieferungen. Bruchstückhafte Überlieferungen, die im Zusammenhang stehen mit den Märchen, findet man auf den britischen Inseln, im ländlichen Frankreich, in den Alpen, im Ural, entlang der Ostseeküste und in der russischen Wildnis. Geschichten von verzauberten Feenpferden, rätselhaften Wechselbälgern, Feen, Púcas, Kobolden, Seeungeheuern, der Loreley, Nymphen, Dryaden und Zwergen. Diese Wesen bewohnen ein Land, dessen Gesetze und Realitäten sich von den uns bekannten und als erwiesen geltenden stark unterscheiden. Dort kann dich ein kleiner Bissen oder ein Schluck Wein auf ewig gefangen setzen. Dort können Mädchen einfach im Geäst eines Birnbaums verschwinden. Dort kann das Pflücken einer Blume dich das Leben kosten oder das Leben deiner Tochter von dir fordern.


Die Märchen, wie wir sie heute kennen, sind über Jahrhunderte hinweg geformt worden auf ihrer Reise durch die Gewässer von Sprache, Glaube und Kultur. Sie sind es, die überlebt haben, während die Mythen, Sagen und Legenden, aus denen sie hervorgegangen sind, längst vergessen sind. Ein tiefer Zauber ruht in diesen Märchen und hat sie bis heute bewahrt, lässt sie harmlos und dennoch bedeutsam genug erscheinen, sie über unzählige Generationen hinweg weiterzugeben. Und da sind wir nun, erstarrt in einem Augenblick im Wandel der Zeiten, ein Glied in der langen, fließenden Kette der Geschichte dieser Märchen. Von hier aus können wir die fernen Straßen erkunden, auf denen diese Märchen gereist sind, und uns bemühen, uns einmal mehr mit ihrem Zauber zu verbinden. Die Nymphe Schneewittchen, das tiefe Band zwischen Rosenrot und ihrem Bärengefährten, die prophetische Trance von Dornröschen, der Handel zwischen einem Wechselbalg und dem Vater der Schönen: All dies liegt hinter der hübschen und von Makeln bereinigten Fassade verborgen, mit der die Grimms und Disney und unzählige andere diese Geschichten beladen haben. Wir sind gewappnet durch unser Wissen darum, dass die Feen und verwunschenen Wesen dieser Erzählungen raffiniert, verführerisch, sexuell, erhaben, unbeugsam, erotisch, verlockend, emotional distanziert, finster, trostlos und tödlich sind.
Wir können der unheimlichen Wahrheit hinter den Masken dieser lieblichen Charaktere durchaus ins Gesicht blicken. Wir können den tiefen Wald, in dem der Wolf sich verbirgt, mit Licht fluten. Wir können die Nymphen dort liebkosen, wohl wissend, dass sie nach uns greifen und uns in den nasskalten Tod hinabziehen wollen. Wir können zu den Vögeln sprechen, auch wenn sie uns vielleicht belügen. Die Speisen dort führen uns nicht in Versuchung – die Weintrauben oder das Häuschen aus Brot –, denn wir sind uns bewusst, dass solch ein Festmahl uns hundert Jahre lang gefangen setzen würde. Dies sind lediglich die Risiken,die wir eingehen, wenn wir verlockende, verwunschene Orte aufsuchen.


Märchen lesen scheint sich zu lohnen…  Entdecken wir also die Wilde Weisheit, die in ihnen steckt!











Kenny Klein: Es war einmal... 


Übrigens: Das Leitbild des Arun Verlages und weitere Buchauszüge und Interviews mit Autoren findet man HIER.

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