Sonntag, 1. April 2012

Meditative Brücken bauen

Mit Mystik und Meditation Grenzen überschreiten

(c) Paul Prescott - fotolia.com
Auch wenn die Konflikte zwischen den Religionen in unserer Welt nach wie vor augenfällig sind und ihre Auswirkungen auf oft erschreckende Weise in den Nachrichten erscheinen, gibt es eine Ebene, auf der sich die unterschiedlichen Glaubensansichten auflösen und auf der Frieden nicht nur ein Lippenbekenntnis sondern eine Tatsache ist.
Die mystische Stille der Meditation ist ein namenloser Raum, zu dem viele Wege führen. Durchschreitet man eine der Türen, die in diesen Raum führen, bleiben die Wege jedoch zurück, denn das, was in diesem Raum erfahren wird, ist seiner Natur nach unbeschreibbar und grenzenlos. Unterschiedliche Methoden, die sich in unterschiedlichen Glaubenssystemen entwickelt haben, sind Türöffner – und jeder Meditierende betritt den Raum durch eine andere Tür. Der Raum selbst ist jedoch eins, unteilbar, nicht diskutierbar. Hier treffen sich Zen-Buddhisten und kontemplative Christen, hier schweigt der islamische Sufi gemeinsam mit dem Visionssucher aus einer indigenen Tradition.
Was sollte man sprechen? Worüber sollte man streiten?
Wenn die Schwerpunkte der Traditionen auch verschieden sein mögen, wenn manche von Gott sprechen, andere vom Tao, die einen das wahre Selbst suchen, die anderen von ihren Göttern und Göttinnen inspiriert werden wollen, die einen sich das Himmelreich wünschen, die anderen das Nirvana – wenn sie finden, was sie suchten, ist ihnen allen etwas Grundlegendes gemeinsam: In einem Moment befreiender Erkenntnis wird deutlich, dass das Gefundene jede Erwartung, die zuvor in unterschiedliche Begriffe gefasst wurde, bei weitem übersteigt.
Hier dringen wir zur tiefsten Schicht unseres Seins vor, auf der wir mit allen Wesen verbunden sind. Dort finden wir unsere Menschlichkeit ebenso wie unsere Göttlichkeit. Dort finden wir unsere Verletzlichkeit, unsere Stärke, unsere Sanftheit, unsere innere Wildnis und unsere tiefste Wahrheit. Wir finden unser pochendes Herz und begegnen dem lebendigen Mysterium unseres Daseins.

Der offene, klare Raum, der den Meditierenden gänzlich ausfüllt, ist pure Gegenwärtigkeit. Hier muss man nicht einmal mehr vom Jetzt reden, denn es ist nichts anderes als das Hier und Jetzt vorhanden, welches jeder Meditierende ungeachtet seiner religiösen Ausrichtung erfahren kann. Keine begriffliche Definition ist mehr vonnöten.  Unser Geist fällt buchstäblich ins Nichts, welches das unendliche Potential des Lebens darstellt. Wie unser Kosmos mit seinen Abermillionen Phänomenen aus dem Nichts hervorgegangen ist, gehen auch wir aus der Erfahrung des Nichts mit neuen Augen in die Welt. Wir sind unsere eigene Hebamme und bringen die ursprüngliche Klarheit unseres Geistes zur Welt.
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„Ganz von vorne anfangen, ohne etwas zu wissen“, wie Krishnamurti es ausdrückt. Das Freiwerden von Bezeichnungen, Konzepten und Theorien öffnet uns für die Wirklichkeit. Fallen die Konzepte, fallen die Unterschiede. Das kontemplative Bewusstsein des Nicht-Wissens ersetzt die vermeintliche Gewissheit religiöser Dogmen. Himmel und Hölle, Gläubiger und Ungläubiger, Würdiger und Unwürdiger existieren nur außerhalb des namenlosen Raums der Stille. In diesem Raum wird niemand verdammt und niemand heiliggesprochen – hier gibt es weder eine goldene Harfe noch ein Fegefeuer, weder ein Endgericht noch 72 Jungfrauen.
In diesem Raum ist Frieden möglich, denn hier zählt nur reines Dasein ohne die Adjektive christlich, muslimisch, buddhistisch, taoistisch, hinduistisch, jüdisch oder naturreligiös. Wir müssen unser Ego nicht mit irgendeinem Etikett versehen und haben somit nichts zu verlieren und nichts zu verteidigen. Mit unserer Meditation bauen wir eine Brücke zum anderen, den wir ebenso als menschliches Wesen wie uns selbst wahrnehmen, ohne ihn in irgendeine Schublade unseres religiösen Weltbildes einordnen zu müssen. Wir wissen, dass dieser Mensch vom gleichen Geheimnis des Lebens durchdrungen ist wie wir, und dass dieses Geheimnis sich jeder Bezeichnung entzieht.

Das, was das Leben wahrhaft lebendig macht, ist für unsere Alltags-Augen unsichtbar. Meditation dient dazu, dieses Unsichtbare erfahrbar zu machen. Diese Erfahrung lässt uns schweigend und leise lächelnd zurück. Dann können wir die Welt und unsere Mitmenschen mit einem frischen und unverstellten Geist betrachten, in dem jeder Moment neu ist, in dem jeder Moment eine Ewigkeit währt, in dem Frieden die einzige Option darstellt.

Mehr zum Thema Meditation und "Ganz von vorne anfangen, ohne etwas zu wissen..." findet sich in meinem Buch: 











1 Kommentar:

  1. Lieber Dirk,
    Du hast diesen wundersamen Raum sehr schön beschrieben. Da gibt es nichts mehr zu sagen. Wer ihn erlebt hat, weiß genau wovon Du schreibst; die Suchenden bekommen eine Ahnung davon...
    In diesem Raum fällt alles aus der Unendlichkleit des Raumes in das Hier und aus der Ewigkeit der Zeit ins Jetzt; das Ich und die Welt, das Ich und das Du verschmelzen zur Einheit; das Ich löst sich in der Glückseligkeit des absoluten Seins auf.
    Alles Liebe, viel Erfolg und viel Glück!

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