Freitag, 17. Februar 2012

Ein Bewusstsein für die Erde

(c) Katrina Brown - fotolia.com
Milliarden von Jahren lang haben sich Milliarden von Geschöpfen
auf diesem juwelenbesetzten Planeten ein Zuhause geschaffen
aus Wasser und Stein.
Wilde Liebesaffären – Sonne und Erde, Algen und Pilze, Bakterien und Mitochondrien – gingen uns voraus und zeugten uns,
unsere Ahnenlinie in den ursprünglichen Augen von Trilobiten aufgezeichnet,
in den wogenden Muskeln der Quallen, 
in uralten, skelettartigen Mineralien,
die zuerst in den dunklen Herzen der Sterne skizziert wurden.
Milliarden von Jahren in die Zeit zurückschauend, 
erforschen wir die Tiefe des Weltraums und die Kosmogenese, 
entziffern die sich entfaltende Geschichte des Lebens
und sind doch kaum in der Lage, die auf uns zurasende Zukunft wahrzunehmen,
obwohl sie von unseren eigenen, ehrgeizig alles an sich reißenden Händen geschaffen und vom Material der menschlichen Vorstellungskraft erfüllt ist
– wie unermesslich oder dürftig diese auch sein mag.

Milliarden von Geschöpfen kennen
ihren perfekten Ort im kosmischen Tanz bereits –
ihre ganz besondere Begabung, die sich in Beziehung
zum Nektar, zum Korallenriff, 
zum Mammutbaum oder zum Falken ausdrückt.

Millionen ungebildeter Arten beantworten bereits
Fragen, die wir noch kaum zu stellen begonnen haben –
Die älteste Mysterienschule überhaupt, wie sie in jenen erscheint,
die ohne Kult Gemeinschaft haben, 
die ohne Sprache kommunizieren,
die ohne Verbrennung wandern,
oder sich – ohne Hirn oder Hände – mit der Sonne paaren
und so Energie aus endlos strömenden Photonen gebären.

Was müssen sie von uns denken – uns hungrigen Gespenstern,
die wir an Plasmafernseher angeschlossen sind,
Nahrung aus weit entfernten Orten in Päckchen sammeln,
aus Plastikflaschen trinken,
Wälder für parfümierte Papiertaschentücher und Kataloge auslöschen,
uns um des Vergnügens oder der Perfektion willen ins eigene Fleisch schneiden,
Gift in die makellosen Körper von Kindern gießen,
die zarten Arme junger Männer und Frauen
mit Bomben und Gewehren beladen und ihren Verstand
mit den zergliederten Körpern ihrer eigenen Art zum Explodieren bringen,
noch bevor sie erfahren haben, 
wie man sich mit seinem Liebsten
in Wildblumen wälzt, unter dem heiligen Mond
und den brennenden Augen der Götter, bevor sie wissen,
welches Talent in ihnen glimmt, das Feuer erwartend,
noch bevor sie erfahren haben, wie man Akelei pflückt
und ihren kühlen Nektar der Zunge der Geliebten darbietet?

Denn so ist es schon immer gewesen:
Milliarden von Geschöpfen steigen gemeinsam auf, 
blenden sich ein und wieder aus
in die unumkehrbare kosmische Sinfonie. 
Bedauern sie es, so zu leben, 
wie sie müssen, an die Urharmonien
der Stürme und Gezeiten, des Phytoplanktons und der Eiche,
an Löwe und Feldmaus gebunden?

Und was ist mit uns?

Im letzten grünen Aufflackern des Bewusstseins,
bevor wir vom großen Meer der Nacht verschlungen werden,
werden wir uns fragen, ob wir in unserem Kielwasser Zerstörung
oder Feierlichkeit hinterlassen haben – ein Opfer
von einem Ausmaß, das in wechselseitiger Beziehung
zur prallen Vorstellungskraft
und dem wilden kosmischen Schoß steht,
aus dem wir ursprünglich als Funke,
als Same hervorgetreten sind,
als zerbrechlicher Embryo
einer Möglichkeit?

Geneen Marie Haugen: 

Fragen für Geschöpfe mit vorausschauender Vorstellungskraft 
(für Thomas Berry) 

Bill Plotkin

Dieses Gedicht habe ich dem Kapitel "Die Heilige Wunde der Menschheit" aus Bill Plotkins Buch "Natur und Menschenseele" entnommen. 
Plotkin schreibt dazu: 
"Das unreife Ego ist in der Lage, bewusste Entscheidungen zu treffen, die auf lange Sicht unvermeidlich zerstörerisch für die Umwelt und somit selbstmörderisch sind ... 
Im Gegensatz dazu lernt ein reifes Ego, wie viel es nicht weiß, und wie sehr es von Wissens- und Weisheitsquellen abhängig ist, die sich außerhalb seiner Dömane befinden, nämlich der Tiefenimagination, dem Mysterium, den Mythen, außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen, Archetypen, Träumen, Visionen, dem Ritual, der Natur und noch vielem mehr. Eine Gesellschaft, die über nur wenige echte Erwachsene verfügt, rast blind und wild entschlossen auf den Abgrund zu. 
Doch (...) ist auch die kollektive Heilige Wunde unserer Art von unschätzbarem Wert und stellt einen Segen dar, der erst durch unsere charakteristische Bewusstseinsform möglich wird. Geneen geht davon aus, dass es sich dabei um die Gabe unserer "vorausschauenden Vorstellungskraft" handelt. Zusammen mit unserem gesunden Urteilsvermögen und unserer einzigartigen symbolischen Sprache gewährt uns diese vorausschauende Vorstellungskraft die Fähigkeit, nicht nur für uns selbst, sondern für alle Geschöpfe der Erde eine lebensfähige Zukunft zu erschaffen. Im 21. Jahrhundert ist diese Fähigkeit zur notwendigen Voraussetzung für unser Überleben geworden.
Andere gehen davon aus, das die Gabe unserer kollektiven Wunde in der Fähigkeit besteht, sich bewusst an der Herrlichkeit des Universums zu erfreuen - eine Gabe, die in engem Zusammenhang zu unserer kollektiven menschlichen Bestimmung stehen könnte. (...) Indem wir die Macht unserer menschlichen Tiefenimagination und unserer Fähigkeit, das Universum zu feiern wiederentdecken und für uns in Anspruch nehmen, heiligen wir die Wunde unserer Spezies. Wir werden damit zu Homo imaginens."











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