Donnerstag, 26. Januar 2012

Wer braucht schon einen Zen-Meister, wenn er einen Hund hat?!

(c) www.steffibehrmann.de
Ich frage mich, ob es wohl ein chinesisches Sprichwort
über den folgenden Sachverhalt gibt:
Der Hund und der Weise sind ununterscheidbar.

Raymond Smullyan



Die meisten Tiere sind Meister der Meditation und jede Schildkröte sieht für Vertreter meiner Generation aus wie Yoda, der Jedi-Meister aus Star Wars - nur eben ohne Ohren. Doch die wirklichen Großmeister der absichtslosen Versenkung in den Urgrund des Seins sind für mich Hunde. Weg und Ziel der Meditation fällt bei ihnen ohne jede Anstrengung in eins. An ihnen ist nichts gekünstelt. Auf ganz natürliche Weise sind sie stets gegenwärtig – gleichzeitig offen und fokussiert. Sie sind ganz sie selbst, spielen niemandem etwas vor. Völlig selbstverständlich haben sie ihren Platz gefunden und eingenommen, ohne sich je zu fragen, ob sie gut genug sind, ob sie schön genug sind, ob sie liebenswert genug sind, ob sie vielleicht stören, ob sie das Recht haben, hier zu sein etc. All die Fragen, die viele Menschen umtreiben und die so viel Leid mit sich bringen, sind Hunden gänzlich unbekannt. Wie Raymond Smullyan so treffend sagt, scheinen sie „von morgens bis abends geradezu im Tao zu schwimmen“.
Meditation ist für Hunde nichts von ihrem Alltag Getrenntes, sie haben kein spezielles Sitzkissen, keine Meditationsmusik und keine Räucherstäbchen. Es gibt auch keinen heiliggesprochenen Hund, dem die anderen alle nacheifern und einem Hund würde es auch NIEMALS einfallen, einen Teil seines Futters einer imaginären Hundegottheit zu opfern. Ganz gewiss nicht!
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Hunde sind die einzigen Wesen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, die eine vielzitierte indianische Weisheit verwirklicht haben: Wenn sie liegen, dann liegen sie; wenn sie laufen, dann laufen sie; wenn sie essen, dann essen sie; und wenn sie bellen und spielen und toben und völlig durchdrehen, dann tun sie genau das. Sie sind die absolute Achtsamkeit, absolute Präsenz.
Hunde können unglaublich schnell von Anspannung zu Entspannung wechseln. Eben noch auf der Jagd oder völlig von einem Spiel eingenommen, herumrasende Muskelpakete voller Adrenalin, sind sie im nächsten Moment Könige der Buddhas. Die Muskeln und Nerven entspannt, der Geist leer. Einfach nur da sein, Sonne auf dem Fell, Wind um die Nase, die Augen halb geschlossen. Ohne irgendeine Absicht, ohne irgendein Ziel. Ganz jetzt, ganz hier. Ihre Meditation hat nichts künstlich Sakrales, sie ist das völlige Annehmen des jetzigen Moments ohne Zweck oder Gedanken an einen Nutzen. Augenblick reiht sich an Augenblick, immer wieder neu. Mal wirft jemand einen Ball, mal nicht. Mal geht man in der Sonne spazieren, mal regnet es und man wird nass. 
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Die Dinge sind so wie sie sind und werden nicht durch gedankliche Erwartungen verstellt oder getrübt. Hunde können jetzt tief versunken meditieren und im nächsten Moment hinter einem Ball herjagen ohne dabei jedoch ihre Meditation unterbrechen zu müssen. Sie wechseln einfach in einen aktiven Meditationsmodus und sind in diesem dann völlig präsent. Sie müssen sich selbst nichts erklären und erst recht nicht anderen. Hunde benötigen keine Bekenntnisse, die ihr Ego strukturieren und die sie anderen gegenüber verteidigen müssen. Zwar gibt es Hunde, die am liebsten Royal Canin fressen, doch spielen sie trotzdem ohne zu zögern mit einem Artgenossen, der Eukanuba bevorzugt. 
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Sie müssen denjenigen mit anderen Vorlieben weder bekehren noch ablehnen, und sie planen auch nicht, ihn aufgrund seiner Andersartigkeit einzusperren oder umzubringen. Einer Dogge ist es auch nicht peinlich, mit einem Yorkshire-Terrier gesehen zu werden, und zwei gleichgeschlechtliche Hunde haben kein Problem damit, sich einen Schlafplatz zu teilen. (Bei all diesen Eigenschaften wundert man sich, dass es im Bible Belt der USA überhaupt Hunde gibt...)
Hunde sind erfrischend ehrlich und authentisch. Ihre Liebe zeigen sie unmittelbar und ohne sich darum zu scheren, ob das Objekt ihrer Zuneigung diese verdient hat oder nicht. Ein nasser, nach Futter riechender Kuss ist immer drin. Sie fragen nicht nach dem passenden Augenblick, denn für sie gibt es immer nur diesen Augenblick, der genau jetzt ist. Das wahre Tao ist ein 80kg schwerer, verschmuster Bernhardiner; das Tao ist Rennen, das Tao ist Hecheln, das Tao ist ein Teddybär mit abgebissenem Kopf, der im ganzen Haus herumgetragen wird...
(c) Tierheim Gütersloh (jetzt bei uns!)
Wir können viel von Hunden lernen, vor allem aber ihren natürlichen Zugang zur Meditation. Auch wir müssen kein großes Brimbamborium veranstalten, keine spezielle Zen-Kleidung anlegen und uns mit exotisch klingenden Mantras in Stimmung bringen. Wir können ganz spontan im gegenwärtigen Augenblick ruhen, ins Jetzt hineinfallen und einfach sein. Geist und Sinne nehmen unmittelbar wahr, ohne sich von Intellekt oder Emotion in die eine oder andere Richtung reißen zu lassen. Eine innere Stille breitet sich in uns aus, in der die Schönheit wohnen kann.

Vielleicht können wir irgendwann auf so einfache Weise meditieren wie Hunde. Uns hinsetzen, in die Weite schauen, da sein. Mehr ist nicht notwendig...

 (c) Dirk Grosser

Dieser Text ist ein Kapitel aus meinem Buch "Selbst ein Anfang sein", das im Arun Verlag erschienen und in jeder Buchhandlung erhältlich ist.

Kommentare:

  1. Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Dankeschön, für den wunderbaren Text.

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  2. Christiane Ginschel7. Februar 2012 um 07:20

    Hallo Dirk, kurz bevor wir (mein Hund Felix und ich) für heute starten sitze ich noch auf der Couch, lese Deinen wundervollen Text, Felix liegt, völlig entspannt und zauberhaft anzusehen, halb auf meinen Beinen. Es ist einfach schön. Schön diesen Text zu lesen und dabei genau das zu erleben. Ein wunderbarer Tagesstart. Danke und liebe Grüße Christiane

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  3. Jedes Wort kommt an!
    Ich bin (respektive: war bislang)wirklich kein Hundefan, aber jetzt sehe ich diese Wesen mit ganz anderen Augen. Meine beiden Kinder (15, 17) wünschen sich schon lange einen Hund - ich hielt stets mit diversen Argumenten vehement dagegen.
    Doch dieser knappe Ausschnitt aus Ihrem Buch, lieber Herr Grasser, hat mir einen mächtigen Stubs versetzt, nochmals über den Wunsch der Kinder und schließlich (wieder einmal) über das Leben gründlich und tief nachzudenken, losgelöst.
    Danke, (auch im Namen meiner Kids!)
    A.D.

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  4. Liebe/r A.D.!
    Ihr Kommentar freut mich wirklich sehr! Wenn mein Buch dazu beiträgt, dass vierbeinige, hechelnde Fellfreunde ein neues Zuhause finden und Kinder glücklich machen, dann hat sich alle Arbeit des Schreibens mehr als gelohnt...
    Herzliche Grüße & viel Spaß bei ausgedehnten Waldspaziergängen mit Ihrem neuen Mitbewohner,
    Dirk

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  5. Sssssssooooooo meditativ!!!
    Namaste!
    I'm Buddhist!

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  6. Hallo Herr Grosser,
    ich habe Ihr Buch noch nicht gelesen aber möchte Ihnen hiermit meinen persönlichen Dank für diesen Blog aussprechen. Diese Form der Kommunikation bewusst zu praktizieren ist gerade für viele verhaltensauffällige(Problemhunde) oft die einzige Möglichkeit der Resozialisierung. Danke!!!

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    1. Vielen Dank für Ihre Nachricht & herzliche Grüße!

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