Mittwoch, 4. Januar 2012

Wahrheit transzendiert Kultur - Plädoyer für einen neuen Buddhismus

(c) MicroJapan - fotolia.com
Jede noch so wertvolle spirituelle Tradition läuft Gefahr, im Laufe der Zeit von rein kulturell bedingten Strukturen überwuchert zu werden und die eigentliche Lehre ins Hintertreffen geraten zu lassen. So erging es dem Christentum, dem Judentum, dem Islam und auch etlichen hinduistischen Strömungen. Bhante S. Dhammika, selbst lange Jahre buddhistischer Mönch in der Theravada-Tradition, zeigt in seinem neuen Buch auf, dass dieses Phänomen auch vor dem Buddhismus nicht Halt macht. 
Aus eigener Erfahrung schöpfend beschreibt er die Irrwege, auf die sich der Buddhismus in Südostasien gemacht hat, die Verkrustungen, die den spirituellen Inhalt überdecken und eine Lehre der Befreiung in einen geistlosen Formalismus verwandeln. Teils ist das amüsant, wenn Bhante S. Dhammika von der wortwörtlichen und nicht hinterfragten Befolgung aus dem 1. Jahrhundert stammender Regeln und Moralvorstellungen berichtet, teils ist es erschütternd, wenn er die Auswüchse dieses Systems schildert, das sich in unglaublicher Heuchelei selbst erhielt und weiter erhält.
B.S. Dhammika / Foto (c) S. Berger
Trotz aller Kritik ist dieses Buch jedoch nicht einfach die „Abrechnung“ eines Enttäuschten oder gar Verbitterten. Man spürt beim Lesen, dass nur jemand, der den Kern seiner Tradition wahrhaftig liebt, diese Dinge fundiert und differenziert ansprechen kann, ja, ansprechen muss. Dhammikas Buch ist – obwohl es sich hauptsächlich auf den Theravada-Buddhismus bezieht – ein traditionsübergreifender Appell für einen freien Buddhismus, der eine Umgebung für den einzelnen Praktizierenden schafft, in der die Verwirklichung Buddhas Lehren möglich ist. Seine Vorschläge für diesen neuen Buddhismus, der sich in Asien, aber vor allem auch im Westen entfalten könnte, sind durchdacht und praktikabel. Die Ausbildung, die ihm für Ordinierte als auch für Laienlehrer vorschwebt, ist „liberal, kritisch, breit gefächert und durchdrungen vom Geist des Dhamma“ und hebt praktische Belange wie die Meditation und das soziale Engagement („tätiges Mitgefühl“) in den Vordergrund. Folgerichtig nennt er seinen Weg nicht mehr Theravada (wörtlich: „Die Sichtweise der älteren Mönche“), sondern Buddhayana – der Weg des Buddha. Eine wahre Reformationsschrift also, die den Blick zurück aufs Wesentliche lenkt und dabei manche Missverständnisse und romantischen Klischees, die wir Westler in Bezug auf Asien und seine Religionen haben, aufdeckt. Ein wertvolles und wichtiges Buch, das dank der Edition Steinrich nun auch in einer überaus gelungenen deutschen Version erhältlich ist. 

Dirk Grosser












Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen