Samstag, 12. November 2011

Mysterium vs. Disneyworld

(c) by Will Worthington / Wildwood Tarot

„Das Buch ist immer besser als der Film.“ Wie oft haben wir das schon gedacht, wenn wir aus dem Kino kamen, nachdem wir uns dort eine verharmloste und verflachte Version einer von uns geliebten Geschichte angeschaut haben? Die Tiefe eines Buches ist oft nicht mit dem Medium Film transportierbar, die Gefühlswelten zu komplex, um sie adäquat in Bilder umzusetzen, und ein Charakter braucht mehr Zeit zur Entwicklung als 90 Minuten. Auch wenn die Kinobilder im ersten Moment beeindrucken mögen, geht doch viel an inhaltlichen Aspekten und tieferen psychologischen Schichten verloren. Spürbar ist dies vor allem, wenn es sich um sehr alte Geschichten handelt, die neu zu erzählen versucht werden.


Unsere Welt ist voller Geschichten, voller Rückgriffe auf Mythen und Märchen, die zumeist recht platt in Actionfilmen oder Videospielen benutzt werden, um mit dem vermeintlichen Wiedererkennen neuen Umsatz zu generieren. Doch kennen wir unsere eigenen Geschichten gut genug, um zu erkennen, wie sie unter zumeist amerikanischen Marketinggesichtspunkten verfremdet werden? Glauben wir immer noch, der Froschkönig verwandele sich nach einem Kuss in einen Prinzen und nicht etwa – wie die Geschichte eigentlich richtig erzählt ist – nachdem er an einer Wand zerschmettert wurde? Kennen wir Schneewittchens Zwerge nur in der niedlichen Disney-Variante oder können wir in ihnen auch die lüsternen Gesellen erkennen, die sich aus einem sehr offensichtlichen Grund ihres weiblichen Schützlings annehmen? Und kennen wir Thor nur als muskelbepackten Hollywood-Heroen einer Comicverfilmung oder auch als Seelenbild und Archetyp unserer Vorfahren?

Unsere Märchen stammen aus dem tiefen, dunklen und wilden Schwarzwald und nicht aus einer auf Hochglanz getrimmten Zeichentrickschmiede. Unsere Mythen sind in einer uralten Lebenswelt begründet, die jenseits von Zahnpasta-Lächeln und Föhnfrisur existierte.
Doch schon den Gebrüdern Grimm, die unsere Märchen Anfang des 19. Jahrhunderts sammelten, waren all diese Geschichten zu düster, zu erotisch, zu geheimnisvoll und zu unchristlich. Viel wurde von ihnen verändert, glattgeschliffen und angepasst. Ein Prozess, der von Hollywood in unseren Tagen vollendet wird.
Liest man dagegen Bücher wie Kenny Kleins „Es war einmal…“ oder die Schriften von Bruno Bettelheim oder Catherine Orenstein, begegnet man einer ungezähmten Kraft, die in den Urversionen dieser Geschichten schlummert. Eine rohe Kraft, die unsere Welt durchströmt und die uns vor die Frage stellt: Wollen wir in einem wilden Mysterium lebendig sein oder in Disneyworld zum harmlosen Dauergrinsen verurteilt dahinvegetieren? 











1 Kommentar:

  1. Danke für diesen Buch- Tipp ! Werd ich mich dann wohl neben die Wolfsfrau stellen :-)
    Da hat sich auch glatt eine (Waldorf-)Kollegin von mir vor Kurzem erst ins Fettnäpfchen gesetzt, sie ging nämlich auch davon aus, der Froschkönig würde durch den Kuss zum Prinzen. Die Verblendung schleicht sich wirklich langsam ein, und man muss ja schon richtig suchen, wenn man ein Grimm's Märchenbuch mit den Originalen kaufen möchte - und nicht die abgeänderten Versionen.
    Liebe Grüße,
    Lisa

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