Dienstag, 20. September 2011

Entzauberung und wahre Magie

Foto: © andreiuc88 - Fotolia.com
Vor langer Zeit an einem kühlen Morgen… Eine stille Lichtung mitten im nebeligen Wald
Ein alter Mann mit einem weißen, langen Bart und wachen Augen, gewandet in einen dunklen Umhang, hebt seine Arme über den Kopf, singt Worte einer vergessenen Sprache, eines vergessenen Wissens… Die Luft flirrt, während sich seine Hände in fremdartigen Gesten bewegen. Sein Wille tritt ins Sein, etwas Neues wird geboren, ins Mysterium gewoben.
So stellen sich ihn viele vor: Merlin, den Archetypen europäischer Magier schlechthin. Unsere Sehnsucht gilt dem Zauber, den er wirkt. Der Zauber, der den Alltag durchbricht, der geheimnisvoll und mystisch in unser Leben einbricht, der verändert, uns aus Langeweile und Lethargie reißt und zum Guten führt.
Immerhin haben wir Gandalf. Und Harry Potters erstaunliche Magie hat zumindest aus sieben Büchern acht Filme gemacht. Doch reicht das, um unsere Sehnsucht zu stillen?

Die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts hat – wenngleich notwendig, um Klerus und Adel ihre falsche Macht zu rauben, um die Wissenschaften zu fördern und um die Freiheit als höchstes Ideal zu postulieren – unsere Welt sozusagen als „Nebenwirkung“ ihrer fortschrittlichen Denkweise entzaubert, ihr das Geheimnis entrissen und sie auf ihre Funktion reduziert. Doch in der neugewonnen Maschinenwelt dürstet unsere Seele nach dem Mysterium.
In Büchern und Filmen bilden sich diese Sehnsüchte ab, bleiben jedoch oft reiner Eskapismus. Aber kann es in unserer Welt wahre Magie geben? Magie, die tatsächlich etwas verändert und die jenseits von peinlichen New-Age-Fantasien à la The Secret – mehr Geld, mehr Macht, mehr Sex – lebendig ist?

Ich denke, dass unser SEHEN wirkliche Magie sein kann. Unser Sehen ändert die Welt, in der wir leben. Untersuchen wir die Welt mit all unseren Sinnen und allen uns heute zur Verfügung stehenden Mitteln, und lassen wir uns dabei nicht von aufgetürmten Theorien den Blick verstellen oder uns von Dogmen irgendwelcher Art ins Bockshorn jagen, entdecken wir ein lebendiges und kreatives Universum. Wir entdecken einen Kreis aus Leben, in dem wir ein individueller Teil sind, der gleichzeitig in eine alles umspannende Einheit eingebunden ist. Unsere Sehnsucht kann zu Forscherdrang werden, der das Geheimnis wertschätzt und wieder das Staunen übt. Wir können unseren Kindern von Sternen erzählen, die Lichtjahre von uns entfernt geboren werden und von Galaxien, die aus Millionen dieser Sterne bestehen. Wir können ihnen von Pottwalen in der Tiefe des Meeres und von Gänsen, die den Himalaya überqueren erzählen. Wir können gemeinsam mit ihnen die Wunder dieses Kosmos bestaunen, uns von unserer Sehnsucht in die Weite führen lassen, die Welt durch unser wahrhaftiges Sehen verwandeln und so wahre Magie wirken.
Der eingangs erwähnte Merlin war nicht nur Magier, sondern auch Dichter und Seher. Wie er können wir tief in die Schönheit der Welt tauchen, diese mit unserem Sein hervorlocken und anderen Menschen schenken. Das ist der Zauber, den unsere Seelen brauchen!


Mehr zu den im letzten Absatz angesprochenen Themen findet sich in meinem Buch "Selbst ein Anfang sein", welches nächste Woche erscheint...


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