Mittwoch, 31. August 2011

Papamobil mit Getriebeschaden

"Möge die Macht mit mir sein..."
Vom 22. bis 25. September besucht Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. Deutschland. Es gibt eine Eucharistiefeier im Berliner Olympiastadion, für die sich bereits über 50.000 Gläubige angemeldet haben und weitere Veranstaltungen in Erfurt und Freiburg. In Erfurt wird zu diesem Zweck die A 38 gesperrt und zu einem Busparkplatz umfunktioniert, in Freiburg sind für den Gottesdienst ebenfalls über 50.000 Anmeldungen eingegangen und das Motto-Lied des Papstbesuches erfreut sich größter Beliebtheit als herunterladbarer Handy-Klingelton.
Erstaunlich, dass es tatsächlich Menschen gibt, die diesem Mann solch große Verehrung entgegenbringen. Einem Mann, der in seiner Tätigkeit als Vorsitzender der Glaubenskongregation unzählige pädophile Priester beschützt und teilweise sogar befördert und wissentlich in die Lage versetzt hat, weiterhin ihren schändlichen Missbrauch an Schutzbefohlenen zu betreiben. Einem Mann, der zeitgleich zu diesem höchst unmoralischen Verhalten versucht hat, große Theologen und Menschen, die sich wahrlich der Nächstenliebe verschrieben haben wie Hans Küng, Willigis Jäger, Matthew Fox, Eugen Drewermann, Leonardo Boff und viele weitere mundtot zu machen und sie wie ein Großinquisitor aus der Kirche verbannte.
Seit mehr als 30 Jahren funktioniert beim Papamobil nur noch der Rückwärtsgang: Alle progressiven Ideen des 2. Vatikanischen Konzils wurden und werden weiterhin von Ratzinger zunichte gemacht. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie und ihre Option für die Armen sowie die Vertreter einer erdzentrierten Schöpfungsspiritualität werden immer mehr unter Druck gesetzt, während gleichzeitig extrem konservative Bewegungen wie Opus Dei, Gemeinschaft und Befreiung und die Legionäre Christi unterstützt werden, weil sie als Geldbeschaffer für den Vatikan und sein Streben nach Macht dienen.
Viele Menschen scheint das nicht zu stören. Ihnen reicht ein Volksfest, bei dem ein alter Mann in Frauenkleidern im Mittelpunkt des Geschehens steht, der sich bemüht, seine imperialistischen Sehnsüchte hinter einem milden Lächeln zu verbergen. Matthew Fox nennt Ratzinger in seinem neuen Buch „Ratzinger und sein Kreuzzug“ den „Mörder der Theologie“ und zitiert den Benediktinerpater Bede Griffiths, der prophezeite, dass der Vatikan eines Nachts wie die Berliner Mauer einstürzen werde.
Ich habe die Hoffnung, dass dieser Einsturz bald geschehen möge. Dass wir das Heilige in den Augen eines Braunbären, im Flug eines Greifvogels und in den Wellen des Meeres entdecken, anstatt in einem dem Tod geweihten Palast im Vatikan.
Dass wir uns den Tränen in den brasilianischen Favelas und den Nöten von Kindern an anderen Orten der Welt zuwenden, anstatt eine obszöne Zurschaustellung von Prunk und Pomp zu bejubeln. Dass wir eine Spiritualität leben, die keiner Vermittlung durch selbsternannte und hochbezahlte Verwalter des Göttlichen bedarf, sondern die jeden Tag und jede Nacht in uns selbst und unserer inneren Verbundenheit mit der Welt geboren wird.
Lassen Sie uns einen endgültigen Abstellplatz für das Papamobil finden! Einen Totalschaden repariert niemand, der bei Verstand ist! 


Wieder einmal vielen Dank an das Magazin NEWS AGE, die meine Kolumne in ihrer aktuellen Ausgabe veröffentlicht haben. 
Mehr zu den Vertuschungen pädophiler Skandale, dem Redeverbot für Theologen, die nicht auf der erzkonservativen Linie des Papstes liegen und der Korruption im Vatikan findet man im gerade eben erschienenen Buch von Matthew Fox. Hervorragend recherchiert und belegt, ist es eine wirklich erschütternde Lektüre...

Kommentare:

  1. Man muss viel mehr Öffentlichkeit herstellen für die Dinge, die Ratzinger als Vorsitzender der Inquisition gemacht hat, indem er Priester, die der Pädophilie überführt waren, in neue Gemeinden versetzte - ohne dort auf das Problem hinzuweisen - und ihnen somit eine neue Wirkungsstätte zu geben. Meiner Ansicht nach kommt das dem Tatbestand der Beihilfe gleich und von jedem anderen Menschen in herausgehobener Stellung würde verlangt, dass er hierfür die Verantwortung übernimmt. Nur der Papst steht da irgendwie drüber...

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Dirk Grosser,

    eben habe ich in Newsage diesen Artikel über den Papst gelesen. Ich bin seit über 20 Jahren erfolgreicher Tantralehrer und von einem tibetischen Lama autorisiert, bestimmte Dinge aus dem Bön-Buddhismus zu lehren. Früher war ich lange bei Osho. Ich habe also genug Gründe den Papst und die Katholische Kirche, aus der ich mit 17 Jahren ausgetreten bin, kritisch gegenüberzustehen, bzw. abzulehnen. Aber so leicht habe ich mir das in den letzten Jahren nicht gemacht. Dieses ewige Rumkritisieren und Nachplappern von negativen Meinungen fremder Menschen, die nur einseitig informiert sind, hat für mich nichts mit einer weiten und liebevollen Weltsicht zu tun. Ich mag verschiedene, längst widerlegte "Argumente" gegen Benedikt XVI in diesem Artikel gar nicht weiter kommentieren. Ich empfehle einfach mal z. B. die Bücher von Peter Seewald (u.a. Licht der Welt), Stefan Kulle (u.a. Die Welt des deutschen Papstes) und v.a. von Andreas Englisch (u.a. Benedikt XVI: Der deutsche Papst).
    Ich sage nicht, dass alles toll ist, was mit dem Vatikan zu tun hat. Selbst Benedikt XVI hat 2005, als er noch nicht Papst war am Karfreitag folgendes gesagt: "Müssen wir nicht auch daran denken, wie viel Christus in seiner Kirche selbst erleiden muss? … Wie oft wird sein Wort verdreht und missbraucht? … Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollen?" Aber wenn wir wirklich mithelfen wollen, dass diese Welt besser wird, dann sollten wir achtsam damit sein, ob wir Licht in die Welt senden oder Dunkelheit. Und vor allem auch, wenn wir als Journalisten oder Seminarleiter tätig sind.

    Herz-liche Grüße

    Shantam L. Heggenstaller

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Herr Heggenstaller!
    Da scheinen wir wirklich über ganz unterschiedliche Informationen zu verfügen. Alle im Artikel nur kurz angerissenen Punkte entsprechen der Wahrheit, sind dem sehr gut recherchierten und ebenso gut belegten Buch von Matthew Fox entnommen, der 30 Jahre lang Dominikaner war und über viele Inneneinsichten verfügt. Ebenso kenne ich einige Priester, die unglaubliche Erfahrungen mit Ratzinger gemacht haben, die jeder Beschreibung spotten. Auch jemand, der mit ihm zusammen in der Glaubenskongregation gearbeitet hat und entsetzt über Ratzingers Unerbittlichkeit war, ist mir bekannt. Ich bin sehr überrascht, welche Referenzen Sie hier vorschlagen... Peter Seewald ist ein Intimus von Joseph Ratzinger. Dieser hat ihn in die Arme des Katholizismus zurückgeholt, wo sich Seewald seitdem pudelwohl fühlt. Seewald möchte zurück zu den Wurzeln des römischen Katholizismus und steht Reformbewegungen in der Kirche sehr kritisch gegenüber. Stephan Kulle ist ebenfalls so ein lebenslanger Ministrant, der im allgemeinen Begeisterungstaumel des "Wir sind Papst" seine große Stunde hatte und für das ZDF und Phoenix im Vatikan ein und aus geht. Meinen Sie ernsthaft, dass einem kritischen Berichterstatter das erlaubt wäre? Andreas Englisch war schon ein Verehrer von Johannes Paul II. und scheint diese Rolle beizubehalten. Sicher gibt es Aspekte von Herrn Ratzinger, die ich in den paar Zeilen meiner Kolumne nicht bedacht habe: Er ist ein intelligenter Zeitgenosse, spricht soweit ich weiß sechs Sprachen fließend und war in seiner Zeit vor dem 2. Vatikanischen Konzil ebenfalls auf Reformkurs. Doch die Öffnung, auf die das Konzil zustrebte, hat ihm offenbar solche Angst eingejagt, dass er fortan sein Heil im Konservatismus suchte und weiterhin sucht. Es ist verblüffend, welche Anziehungskraft dieser Ansatz auf manche Menschen hat, u.a. offenbar auch auf Seewald, Kulle und Englisch.
    Eine bessere Welt, in der es mehr Licht als Dunkelheit gibt? Sehr gerne. Diese werden wir aber nicht schaffen, indem wir die Intoleranz tolerieren und alles schlucken, was uns die Marketing-Maschinerie des Vatikans und anderer Ewiggestriger vorkauen. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass z.B. Homosexuelle und Frauen in unserer Gesellschaft die gleichen Rechte wie alle übrigen Menschen haben sollten. Eine weltweit tätige Institution, die dieses Recht jedoch nicht anerkennt, kann ihrerseits nicht mit meiner Anerkennung rechnen. Und das ist nur ein Beispiel. Ich kann es auch nicht gutheißen, dass die Kirche es schafft, sich selbst einen rechtsfreien Raum zu gestalten, in dem pädophilie Priester, denen Übergriffe nachgewiesen wurden, nicht bestraft, sondern lediglich versetzt werden, hier u.a. von Ratzinger dann als Leiter eines Waisenhauses werden. Diesen Zynismus kann ich mir nicht schönreden und dazu werden mich auch nicht die von Ihnen genannten Autoren überreden können.
    Viele Grüße,
    Dirk Grosser

    AntwortenLöschen