Dienstag, 12. Juli 2011

Mann-Sein, das Heilige und die Sünden der Kirche

In der neuen Ausgabe des Magazins VISIONEN ist ein Interview veröffentlicht, das ich mit Matthew Fox geführt habe.


Er ist ein engagierter und streitbarer Mann: Matthew Fox, 1940 geboren, ehemaliger Dominikanermönch und Theologe, den Thomas Berry als den „kreativsten, umfassend denkendsten und sicherlich herausforderndsten spirituellen Lehrer Amerikas“ bezeichnete. 34 Jahre lang war Fox Mitglied des Dominikaner-Ordens, bis er vom damaligen Kardinal Ratzinger Redeverbot erhielt und schließlich aus dem Orden ausgeschlossen wurde.  Seine erdverbundene Theologie führte ihn sowohl  zur Gründung der University of Creation Spirituality, an der er gemeinsam mit dem Physiker Brian Swimme lehrte, als auch zur Zusammenarbeit mit dem Biologen Rupert Sheldrake, mit dem zusammen er die menschliche Seele als morphisches Feld erforschte.
In seinem neuesten Buch Die verborgene Spiritualität des Mannes identifiziert er einen Großteil der Krise unserer Welt als Krise der Männlichkeit, die von einem falschen Männer-Bild einer Herrscher-Kultur in die wirklich Heilige Männlichkeit einer Teilhabe-Kultur überführt werden müsse, um unseren Planeten, die menschliche Gemeinschaft und alle Wesen, die die Erde mit uns teilen, für eine lebenswerte Zukunft zu erhalten. Seine Offenheit in Bezug auf die Weisheit indigener Kulturen verbindet sich mit seiner Kenntnis der christlichen Mystik und äußert sich z.B. auch in seinen kosmischen Messen, in denen sich katholisches Ritual und die Ekstase von Techno-Raves vermengen.
Ein vielschichtiger Mann, der im Gespräch kein Blatt vor den Mund nimmt…



Warum ist es so wichtig in unserer Welt, dass gerade Männer ihre spirituelle Seite entdecken und eine Wertschätzung des Heiligen entwickeln?

Fox: Besitzgier, Raubgier und das Reptiliengehirn des Menschen zerstören nicht nur den Planeten, sondern auch unsere menschlichen Gemeinschaften.  Spiritualität ist notwendig, um diese testosterongesteuerten Angriffe auf Mutter Erde, ihre Geschöpfe und Gemeinschaften aufzuhalten. Meditation hilft beispielsweise, unser Reptiliengehirn zu beruhigen und uns mit ihm anzufreunden. In Gemeinschaften lebendige Spiritualität dämmt die Gier ein.

Unterscheiden Sie zwischen Spiritualität und Religion?

Ja, in der Tat. Vor allem in unserer Zeit der Geschichte, in der so ein großer Anteil der institutionalisierten Religion offenkundig korrupt ist. Bedenken Sie nur die pädophilen Skandale der römisch-katholischen Kirche, die von der Glaubenskongregation unter dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger (heute Papst Benedikt XVI.) gedeckt wurden. Ratzinger war damit beschäftigt Torquemada zu spielen und theologische Freidenker und spirituelle Bewegungen wie die Basisgemeinschaften anzugreifen anstatt Kinder vor kranken Priestern zu schützen, was eigentlich sein Job gewesen wäre.
Bedenken Sie wie er und der vorangegangene Papst einen Pater namens Fr. Maciel unterstützten, der ein kranker Pädophiler und Verehrer von Pinochet war, welcher mehr als 700 Priester, Nonnen und Laienmitarbeiter der Kirche in Chile ermorden ließ. Oder auch die Unterstützung des Opus Dei… Und wie der damalige Kardinal in Polen 50.000 US$ pro Person Eintrittsgeld für eine kleine Messe mit Papst Johannes Paul II. kassierte, als er dessen Sekretär war.
Wenn Jesus heute leben würde, würde er den Tempel – in diesem Fall den Petersdom – von diesen Geldwechslern und Machthungrigen befreien. Er würde den Sexismus und die Homophobie austreiben und eine Menge Tische in dieser Räuberhöhle umstoßen.
Spiritualität ist unser Leben aus den Tiefen unserer Existenz, den Tiefen der Ehrfurcht und Dankbarkeit, den Tiefen der Dunkelheit und Trauer, den Tiefen der Kreativität, den Tiefen unserer Arbeit des Mitgefühls und der sozialen wie ökologischen Gerechtigkeit.

Inwiefern ist das Gott/Göttin-Paar wichtig für jeden Mann?

Sowohl Männer als auch Frauen profitieren von der Entdeckung der Heiligen Männlichkeit und der Göttlichen Weiblichkeit. In meinem Buch spreche ich von der Heiligen Hochzeit dieser beiden. Ein Beispiel für diese Hochzeit ist die Vereinigung des Grünen Mannes mit der schwarzen Madonna. Der grüne Mann als Archetyp des Kriegers für die Verteidigung unserer Mutter Erde trifft die schwarze Madonna, die uns, die wir alle aus Afrika stammen, viel zu lehren hat.

Brauchen Männer einen Vatergott?

Meister Eckhart sagte: „Alle die Namen, die die Seele Gott gibt, entnimmt sie ihrem eigenen Erkennen“ (Deutsche Predigt 55) Die Frage lautet: Was für einen Gott haben wir im Sinn? Einen strafenden Vater? Nein! Wir haben genug von dieser vergifteten Männlichkeit. Eine fürsorgliche, vertraute, unermessliche, mitfühlende Göttlichkeit, die uns zum Abenteuer und starken Kampf für die Gerechtigkeit führt? Die Art von Vatergott, die Jesus mit der Bezeichnung „Abba“ anbetete? Ja. Aber Männer brauchen ebenfalls die Göttliche Mutter, um uns zur gesunden Balance von Yin und Yang zurückzubringen, die in unserer industriellen Welt und unserer industriellen Religion verlorengegangen ist.

Was ist, in kurzen Worten, Heilige Männlichkeit für Sie und wie äußert sie sich im Alltag?

In meinem Buch beschreibe ich zehn Archetypen oder Metaphern, die die Heilige Männlichkeit im Alltag ausdrücken und ich habe Übungen hinzugefügt, die uns helfen können, uns selbst in diese Sichtweisen unserer selbst und unserer Welt zu vertiefen.
Die Heilige Männlichkeit entfacht unseren Mut, unsere Großzügigkeit, unseren Sinn für Gerechtigkeit und unseren Willen für diese Gerechtigkeit zu kämpfen, sei es ökologische, ökonomische oder  soziale Gerechtigkeit. Auch die Gerechtigkeit in Bezug auf Geschlechterfragen, der sexuellen Präferenz von Geschlechtern und die Gerechtigkeit in Bezug auf Fragen der Rassenzugehörigkeit liegen uns dann am Herzen. Die Heilige Männlichkeit ist sowohl Schöpfer als auch Verteidiger der Schönheit – und der Kinder, die als siebte Generation nach uns geboren werden.

Sie sprechen in Ihrem Buch von Mentoren, die benötigt werden und von fehlenden Initiationen. Glauben Sie, dass wir in einer „vaterlosen Gesellschaft“ leben und was wäre nötig, um dies zu ändern?

Übergangsriten fehlen unserer westlichen Kultur heutzutage sehr. Konfirmation und Bar Mitzwa sind zwar ursprünglich in diesem Sinne gemeint, initiieren aber junge Männer bei weitem nicht tief genug. Wir können und müssen neue effektive Riten des Übergangs erschaffen. Die Ältesten müssen aufhören in den Fernseher zu starren oder mit ihren Aktien zu spielen. Sie müssen vom Golfplatz herunterkommen und mit jungen Menschen interagieren. An diesem kritischen Punkt in der menschlichen und der Erd-Geschichte brauchen wir eine generationenübergreifende Weisheit. Die Alten und die Jungen müssen zusammenfinden.

Viele Dinge, die Sie ansprechen, stammen aus vorchristlicher Zeit. Glauben Sie, dass der Monotheismus die Vielfalt spiritueller Erfahrungen unterdrückt hat oder immer noch unterdrückt?

Ich selbst wurde von vielen Lehren, Lehrern und Zeremonien der indianischen Ältesten genährt und beeinflusst. Da ist so viel, was durch die Vernichtung indigener Kulturen während der Kolonialzeit verlorenging.  Wir alle tragen die DNA aus längst vergangenen Zeiten in uns. Unser Bewusstsein begann ja nicht mit der Bibel oder mit Jesus. Wir alle haben 13,7 Milliarden Jahre kosmische  Geschichte und 200.000 Jahre Mensch-Sein in uns – viele verschiedene und kraftvolle Wege das Heilige zu ehren.
Zugleich bin ich als Christ zutiefst berührt von Jesus und der Linie, die er freisetzte. Menschen mit großen Seelen wie Meister Eckhart, Thomas von Aquin, Franz von Assisi, Hildegard von Bingen, Martin Luther King jr., Oscar Romero und viele mehr.
Wenn der Monotheismus jedoch Imperien unterstützt, geht die Vielfalt verloren. Eine Sache, die ich an der christlichen Dreifaltigkeitslehre mag, ist, dass sie nach und nach die exklusiven monotheistischen Beschränkungen zurechtstutzt. Der Heilige Geist weht zum Beispiel überall und wo immer er will. Es geht einfach um wahre Kreativität.

Glauben Sie, dass katholische Priester ihr Mann-Sein gänzlich leben können? Und wenn nicht, inwiefern eignen sich diese Priester, um jungen Männern das Heilige als solches und das Heilige ihres eigenen Mann-Seins näherzubringen?

Ich habe in meinem Leben wundervolle Priester kennengelernt, die ihre eigene Männlichkeit in vollem Umfang und überaus großzügig leben konnten. Aber in der heutigen beschränkten Auffassung der Priesterschaft, wo verrückte Gruppierungen wie die Legion of Christ, Opus Dei oder Communion and Liberation die wahre Bedeutung der Kirche vergiften, ist es immer schwerer, gesunde junge Männer zu finden, die sich von der Berufung des Priesteramtes angezogen fühlen. Gehorsam hat sowohl Bewusstsein und Neugier als auch das intelligente Fragen und Debattieren ersetzt. Das ist einer der Gründe, warum wir heute eine neue Reformation brauchen. Heute brauchen wir mehr Schamanen als Priester.

Sie bringen den naturreligiösen Wegen große Wertschätzung entgegen. Wicca und Druidentum scheinen für Sie gleichberechtigt neben den sogenannten Weltreligionen zu stehen. Sind das alles Wege, die, wenn man sie in ihrer mystischen Tiefe versteht und lebt, auf dasselbe Ziel weisen?

Erdzentrierte Religionen haben uns Westlern, denen in Schule und Kirche beigebracht wurde, vor unseren unteren Chakren zu fliehen, viel anzubieten. Wenn wir in Kontakt mit unseren unteren Chakren wären, dann gäbe es diesen ökologischen Kollaps nicht, wie er sich heute abzeichnet. Zugleich sollten wir aber auch nicht die Vergangenheit romantisieren oder unsere Fantasien auf diese Menschen projizieren. Und wir sollten nicht ihre Zeremonien stehlen, sondern sie respektieren und sie um Erlaubnis fragen, diese Dinge nutzen zu dürfen. Aber es gibt eine große Weisheit aus prä-moderner Zeit , die sehr wichtig für unsere Post-Moderne ist. Das ist übrigens auch ein Grund, warum ich prä-moderne Denker wie Thomas von Aquin, Meister Eckhart oder Hildegard von Bingen so schätze.

Es scheint, dass viele Männer einen großen Schmerz und eine große Trauer mit sich herumtragen, über die sie nicht sprechen. Wie kann man ihnen helfen zu sprechen und wie kann man ihnen helfen gehört zu werden?

Wir brauchen Trauerrituale und ich habe ein paar entwickelt, die sich als sehr nützlich erwiesen haben. Ich baue sie stets in unsere kosmischen Messen ein und auch wenn ich Workshops gebe, nutze ich sie. Es gibt so viel Trauer heutzutage – Frauen und Männer brauchen Trauerrituale. Alle Menschen spüren den Niedergang unseres Planeten und seiner wunderbaren Geschöpfe wie wir sie noch kennen. Die Kirchen und Synagogen machen ihre Arbeit in diesen schwierigen Zeiten nicht sehr gut. Was wir brauchen, sind tiefere Trauerrituale, als sie von diesen Institutionen angeboten werden.

Mich faszinieren seit jeher die Naturreligionen und insbesondere der Archetyp des Grünen Mannes. Ich spüre dort eine Kraft ausgehen, die ich in den Weltreligionen nicht finde. Es ist vielleicht eine gewagte These, aber mir kommt es so vor, dass sich die Archetypen der Naturreligionen seit tausend Jahren im Untergrund bewegen und dort aber unversehrt überleben konnten, während sich die Weltreligionen immer mehr an den gesellschaftlichen Mainstream anpassen mussten und sich deshalb freiwillig kastriert haben. Können Sie dazu etwas sagen?

Die Archetypen der Vergangenheit kehren in unserer Zeit zurück… „Wenn wir sie brauchen“, wie C.G. Jung sagte. Hildegard von Bingen bezeichnete im 12. Jahrhundert Jesus als Grünen Mann. Das ist die Art und Weise der Adaption, die möglich ist, wenn Menschen tiefer auf ihrer Reise in das Bewusstsein vordringen. Die Vergangenheit wird lebendig. Neue Verbindungen werden geschlossen.

Denken Sie, dass eine Trommelsession ein ebensolches Gebet wie ein Psalm oder ein gregorianischer Choral sein kann?

Natürlich denke ich das. Wir können auch unsere eigenen Psalmen, unsere eigene Poesie schreiben und feiern. Und wir können trommeln und singen mit der Messe verbinden, wie wir es in unseren kosmischen Messen tun. Das ist sehr kraftvoll. Heutige DJs könnten auch „urbane Trommler“ genannt werden, denn in der elektronischen Musik geht es um den Rhythmus, den „Beat“ – genau wie beim Schlagen der Trommel. So können Raves wie Stammestänze sein, wobei auch hier wie bei den Stammestänzen auf Drogen verzichtet werden sollte. Man wird „high“ von der Gemeinschaft, vom Gebet und vom Hereinbringen der Ahnen.

Kann die Seele des Mannes in Mutter Erde einwurzeln und sich gleichzeitig in Richtung Vater Himmel ausstrecken?

Sie kann nicht nur, sie muss es sogar. Howard Thurman, der große afroamerikanische Mystiker, der mit Gandhi bekannt war und zu Martin Luther Kings Lieblingstheologen gehörte, sagte „ Je mehr ich in Beziehung zum Kosmos stehe, der überall ist, desto mehr muss ich zu etwas in Beziehung stehen, das irgendwo ist.“ In anderen Worten: Je mehr der Baum sich in den Himmel ausstreckt, desto tiefer reichen auch seine Wurzeln in die Erde. Vater Himmel und Mutter Erde sind Gefährten. 
 Mehr zu den angesprochenen Themen findet man hier: 

















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