Donnerstag, 23. Juni 2011

Regula Meyer – Hexe mit Jagdschein

Foto: Claude Jaermann, www.spuren.ch
Martin Frischknecht vom Schweizer Magazin Spuren (www.spuren.ch) hat ein spannendes und informatives Interview mit Regula Meyer geführt und mir erlaubt, dies hier zu verwenden. Vielen Dank dafür!
Und hier der Artikel:

Regula Meyer wusste schon als Mädchen, dass sie anders ist. Heute steht sie mitten im Leben, spricht als Medium zu Rat­suchenden und bezeichnet sich unbekümmert als Hexe. Was heisst das?
Im Schwarzwald gibt es eine Insel. Von oben besehen, aus der Vogelschau, sieht diese Insel nicht viel anders aus als die umliegenden Hügel und Täler. Doch ist das Eiland einmal erreicht, fühlt man sich bald von einer eigentümlichen Ruhe ergriffen. Schotterwege führen durch dichten Forst, der Boden zwischen den hohen Tannen ist dick bepackt mit Moos. Als würde man über eine Turnmatte schreiten, sinken die Füsse ein, federt der Tritt. Mitten im weitläufigen Wald eine mächtige Lichtung mit Magerwiese, darauf ein Wohnhaus mit einem Pferdestall. Weder Kühe noch Schafe, keine Landmaschinen, kein Anschluss ans Stromnetz, kein Handy-Empfang – willkommen in Krähenbach!
Über Jahrhunderte diente das traditionsreiche, wildromantische Forsthaus der Beherbergung des Wildhüters und dessen Familie. Heute finden darin Hexenkurse statt, und es werden Jahreszeitenrituale gefeiert. Aber das heisst nicht, dass dieses Anwesen seine Bestimmung von einst verloren hätte. Wer hier wohnt, übernimmt vom Landbesitzer, dem Adelshaus zu Fürstenberg, automatisch eine Jagdpacht, und damit verpflichtet er sich, seinen Landteil aktiv zu bejagen. Eine bestimmte Anzahl Rehe sollten laut Vertrag pro Jahr auf der Strecke bleiben. Dafür sorgt die Mieterin eigenhändig zusammen mit ihrem Mann. Sie kommen beide aus dem Sankt Galler Rheintal, haben einen Jagdschein und verstehen sich als Wildhüter. Die Jagd betreiben sie nicht, um möglichst viele Tiere abzuschiessen, sondern als unumgänglichen Eingriff in ein Ökosystem, das auf den Menschen angewiesen ist. Dass sich Jäger und Schamane nahe sind, braucht bei diesen Vorgaben nicht betont zu werden.
Doch an diesem sonnigen Frühlingstag schallt kein Halali durch den Wald. Einzig drei Jagdhunde bekläffen die Besucher zum Empfang. Dann tauchen wir zwei Männer in eine ausgesprochen friedliche Stimmung ein und lassen uns von der Hausherrin das Anwesen zeigen, bevor wir uns vor dem Haus unter einem Sonnenschirm installieren. Einige Frauen gehen konzentriert bestimmten Tätigkeiten nach, werken im Garten, arbeiten an einer Skulptur, richten einen Ritualplatz her. Diese Aktivitäten sind Aufgaben, denen sie sich im Rahmen einer Hexenwoche selber verschrieben haben. Leiterin dieses Kurses ist Regula Meyer. Sie sitzt vor uns, mustert uns durch hellwache, graublaue Augen. Weder bei ihr noch bei den Kursteilnehmerinnen nehme ich eine Form von Aufgeregtheit oder Betriebsamkeit wahr.
Einfach gut ist es hier. «Tierisch gut», um es mit dem Titel von Regula Meyers Erfolgsbuch zu sagen, einem umfang­reichen Kompendium zur symbolischen Bedeutung von Tieren, von Adler bis Ziege, das mittlerweile in siebter Auflage vorliegt. Während des Gesprächs sind wir umgeben von grasenden Ponys, den freilaufenden Hunden, und wir werden besucht von einer Bachstelze.

SPUREN: Du bist für mich ein Mensch, der aus dem Hintergrund wirkt. Einige Bekannte von mir suchen regelmässig deinen Rat in persönlichen Dingen. Wie viele lassen sich von dir beraten, und was für eine Funktion spielst du für die Ratsuchenden?
Regula Meyer: Schwierig zu sagen. In meiner Adresskartei stehen rund 3000 Namen. Dass es so viele sind, hat auch damit zu tun, dass die meisten in unregelmässigem Abstand zu mir kommen. Die Zahl derer, die wenigstens einmal pro Jahr die Verbindung suchen, dürfte bei rund 700 liegen.
Ich verstehe mich als eine «Erinnerin». Das heisst, ich erinnere mich an die Naturgesetze, an die Pläne und kosmischen Absichten und führe die Leute wieder dorthin. Aus Sicht der Klienten bin ich wohl eher eine Wegleiterin und Begleiterin. In den indianischen Kulturen sind es die Grossmütter, welche diese Funktion wahrnehmen. Sie wirken aus dem Hintergrund, helfen, pflegen und begleiten.

Du bist wohl bereits in jüngeren Jahren zu einer solchen Grossmutter geworden. Wann hat das bei dir angefangen?
Ich hatte immer schon einen sehr starken Zugang zur geistigen Führung. Für mich war das normal, und erst als Jugendliche begann ich zu verstehen, dass nicht alle Menschen diese Gabe haben. Bewusst wahrgenommen und gelebt habe ich sie, seitdem ich 25 bin. Schon während meiner Lehre zur Drogistin kamen Menschen in den Laden, um sich von mir beraten zu lassen, manchmal ohne etwas kaufen zu wollen.
Es ist nicht so, dass ich eine Stimme hören würde, die anders wäre als meine eigene. Eher ist es eine andere Art von Denken, eine Führung im Denken. Mein Bewusstsein wird ausgerichtet, und dadurch weiss ich dann: So ist es. Schon als kleines Kind war diese Führung mit mir. Ich erinnere mich daran, wie ich mir zum Beispiel das Verhalten meiner Mutter selber erklärte. Ich betrachtete sie aus dem Kinderbett heraus und habe für mich gewusst, warum es ihr nicht gut ging und warum es in dieser Situation gerade nötig war, mich mit meinen eigenen Bedürfnissen ein wenig zurückzunehmen.

Das klingt nach einem altklugen Kind. Warst du das?
Nach aussen nicht. Doch wenn meine Eltern Gäste empfingen, war ich eine mittlere Katastrophe. Mein Vater war Direktor des Bundesamtes für Strassenbau, zuvor Kantonsingenieur des Kantons Schaffhausen und Graubündens, und da gehörte es dazu, dass wir höheren Besuch bekamen. Nachdem ich bei einer solchen Gelegenheit lauthals fragte: «Mami, warum lügt diese Frau jetzt?», wurde in unserer Familie bald beschlossen, es sei wohl besser, dass wir künftig in einem anderen Zimmer am Kindertisch essen würden.
Meine Eltern konnten mit meiner Gabe im Grunde recht gut umgehen. Sie nahmen bei mir Intelligenz wahr und dachten sich, ich müsste damit an eine Uni. Doch als ich mich dem verwehrte, konnten sie das akzeptieren und liessen mich eine Ausbildung zur Drogistin machen, was für mein Verständnis der einzige offizielle Hexenberuf ist. Im Rückblick denke ich, dass meine Eltern für mich ideal waren. Sie waren weder sehr religiös, noch waren sie über die Massen auf wirtschaftlichen Erfolg aus und liessen mir die Freiheit, die ich brauchte.

Du bezeichnest dich auch als Hexe. Das ist ein schillernder Begriff. Wie würdest du ihn definieren?
Hexenkraft ist eine Möglichkeit, die der wissenden und selbständigen Frau offensteht. Nicht jede Frau ist eine Hexe. Aber eine Frau, die sich mit der Naturkraft verbindet und daraus Wissen und Führung ableitet, das ist für mich eine Hexe. Sie ist nicht Magd, nicht Priesterin oder Lehrerin, aber sie ist eine Frau, welche diese Rollen zusammenbringt und aus dem Hintergrund, von der Peripherie der Gesellschaft aus, agiert und führt. Denen, die suchen, stellt sie sich zur Verfügung.
Seit einiger Zeit haben wir es mit einem positiven Hexenbegriff zu tun, der viele Ideale und Wunschvorstellungen von Frauen auf sich zieht. Früher musste eine Frau sich davor hüten, diesen Begriff auf sich zu beziehen, denn damit war sie des Teufels und wurde aufs Grausamste verfolgt.
Mir macht es Spass, dass es so ist, denn mir gefällt diese Art von selbständiger Weiblichkeit, die schräg und schrill sein kann, zugleich aber auch sehr zornig und zerstörerisch. Eine solche Weiblichkeit macht Angst, auch uns Frauen; hat aber mit einem Teufel nichts zu tun. Sie wartet in uns darauf, erlöst und geheilt zu werden. Die Welt wird davon nicht heil und weiss werden, in ihr wird es immer Schwarz und Weiss geben. Sie ist polar und wird es bleiben.
Der Begriff Hexe erlaubt es mir, Weiblichkeit in ihren sämtlichen Facetten zu betrachten und keine auszugrenzen. Die böse, zornige, wilde, zerstörerische, vernichtende Frau ist auch eine Frau, auch sie lebt eine Kraft, die in der Natur vorkommt. Wenn wir diese Kraft wieder integrieren als eine Kraft, die wir entwickeln dürfen und fördern, lernen wir sie zu kontrollieren, und zwar nicht in einem vernichtenden, sondern in einem liebenden Sinn. Das macht uns ein Stück heiler, und das gilt nicht bloss für Frauen, sondern für alle Menschen.

Du sprichst von Hexenkraft, von der zerstörerischen Kraft der Kali, doch hier, wo du deine Kurse leitest, steckst du mitten im Land der Marienverehrung. Eckst du mit deiner Botschaft nicht an?
Nein, denn viele Frauen kennen diese Kraft in sich, und ich denke, jeder Mann, der eine Frau hat, weiss, was es heisst, wenn Frauen aus ihrer Weiblichkeit heraus Gas geben und vernichten. Die Furie ist eine mächtige Kraft, gar nicht mal immer emotional, sie kann auch sehr weise sein. Manchmal gebietet diese Kraft dem Männlichen Einhalt.
Das Männliche ist ja nicht der Mann und das Weibliche ist nicht die Frau. Mir geht es um diese Kräfte in uns, egal, ob wir Frau oder Mann sind. Die männliche Energie führt uns in die Schaffenskraft, sie bewirkt, handelt und formt. Die weibliche Energie kann dazu die Rolle einnehmen des Störenfrieds, der nörgelt, kritisiert, darauf beharrt, dass etwas nicht stimmt, sich nicht gut anfühlt – und dadurch auch lenkt. Diese bremsenden Energien in uns sollten wir genauso ehren wie die Energie, die vorwärtstreibt. In Zeiten von Krieg haben wir die nörgelnden Stimmen in uns wohl niedergehalten – und das gilt für Männer wie für Frauen. Ich halte es für sehr wichtig, dass wir uns dieser Teile wieder bewusst werden – nicht um damit zu jammern, sondern um damit verantwortungsbewusst zu sein. Es sind diese inneren Sensoren, die dir sagen: «Es reicht, du gehst zu weit, du tust dir etwas an, das dir nicht mehr gut tut.» – Wenn du das nicht mehr merkst, powerst du dich aus bis zum Burn-out.

Bei dem, was du tust und sagst, wirst du geführt – von wem oder was eigentlich?
Von meiner höheren Quelle. Ich glaube nicht an Ausserirdische oder an Astralwesen. Wohl weiss ich, dass es Seelen von Verstorbenen gibt, die nicht wegkommen, doch von denen lasse ich mich nicht führen, denn die wissen nicht mehr als ich. Ich bin ein Menschsein, und in mir drin bin ich ein vollkommenes Geschöpf. Diese Vollkommenheit ist die Quelle meiner Führung. Wenn ich ihr vertraue und mich mit ihr verbinde, werde ich verstehen lernen, was sie sagt.

Lange gelernt hast du das aber nicht.

In diesem Leben nicht. Aber ich habe mal aufgehört, mich an diese Führung zu halten. Mit 14 sagte eine Schulkollegin zu mir, wenn ich so bliebe, wie ich bin, würde ich nie einen Mann finden. Das galt als ganz schlimm. Also beschloss ich, normal zu werden. Ich teilte meiner Geistführung durch ein Ritual mit, dass ich fortan nichts mehr von ihr wissen wollte. Ich wollte keine Führung mehr, keine Unterstützung, ich wollte leben wie alle, die von solchen Dingen keine Kenntnis haben.
Von da an verlor ich die Verbindung zur geistigen Führung tatsächlich. Doch erlitt ich in derselben Woche einen Reitunfall, bei dem ich mir das Genick brach. Dass es sich um einen Bruch handelte, wurde bei mir erst viel später diagnostiziert, da ich den Unfall von meiner Familie so gut es ging verbarg. Erst durch Roman, mein zweites Kind, das ich mit 23 zur Welt brachte und der selber eine ähnliche Gabe besitzt, kam die Erinnerung an meine geistige Verbindung in mein Leben zurück.
Als er lernte zu sprechen, begann er, mit mir zu schimpfen. Einmal sagte er zu mir: «Was glaubst du eigentlich, wer du bist?» Ich konnte ihm keine Antwort geben, doch ich begann mich an meine Geistführung zu erinnert. Es dauerte dann noch ein paar Jahre, bis ich mich wieder damit verband. Aber kaum war die Verbindung wieder da, kamen Leute zu mir, die meinen Rat suchten. Einfach so. Gesucht habe ich es nie. Ich hätte lieber mit den Kindern und Tieren irgendwo abgeschieden als Kräuterfrau gelebt.

Für dich ist es eine Gabe, die dir in die Wiege gelegt wurde. Jetzt leitest du Kurse. Lässt sich die Gabe so übermitteln?
Meine Gabe kann ich an andere nicht weitergeben, aber ich kann anderen dabei helfen, die eigene Gabe zu finden. Das geschieht, indem man lernt, die vielen selbsteinschränkenden Vorstellungen in sich zu entlarven, und sie aufgibt. Das ist ein endloser Prozess – der aber nicht darin besteht, die alten Probleme immer wieder vor sich auszubreiten, sondern indem man die Kräfte in sich entdeckt und fördert. Das mache ich hier mit den Frauen: ablassen von den Schwächen des Alltags, die Kraft in sich freilegen und sich darin als schön empfinden.











Regula Meyer: Tierisch gut, Arun Verlag 

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