Samstag, 14. Mai 2011

Schöpfungsspiritualität

Der ehemalige Dominikaner Matthew Fox prägte den Begriff der Schöpfungsspiritualität - eine Spiritualität, die das Leben wertschätzt und in Verbindung mit allen Wesen lebendig ist. Hier ist der Auszug aus einem Interview mit Fox, das Geseko von Lüpke für sein Buch „Politik des Herzens“ führte.

Wie müssen wir heute den Begriff der „Schöpfung“ verstehen?

Die schönste Definition der Schöpfung, die ich kenne, ist jene der Lakota Sioux, die, wenn sie beten, sich an alle unsere Verwandten richten. „Alle unsere Verwandten“, das ist die Schöpfung, das sind unsere Familienbande zu allem: zur Erde, zu den Wäldern, zur Luft, zur Ozonschicht, zum Wind, zum Regen, zum Wasser, zu unserem Körper, dem Essen, unserer 14 Milliarden-Jahre-Geschichte, Zeit und Raum, den Sternen, den Planeten und natürlich den Menschen in unserem Leben und jenen, die noch kommen, künftigen Generationen. Schöpfung ist alles, was ist. Weil unsere Religion dabei versagt hat, uns eine Theologie der Ehrfurcht für die Schöpfung bereitzustellen, ist unsere Kultur zur bloßen Benutzung, zum Missbrauch und zur Objektivierung der Schöpfung übergegangen. Wir haben uns daran gewöhnt, die Schöpfung als eine Art Warenlager für kapitalistisches Wirtschaften zu sehen.
Unsere Ignoranz gegenüber der Schöpfung basiert auf unserer schlechten Beziehung zur Schöpfung. Dabei sind wir ein Teil der Schöpfung. Es ist unglaublich, dass wir davon überzeugt sind, die Schöpfung sei nur dort draußen und warte, dass wir sie nutzen. Wir sind ebenso Schöpfung. Die Gewalt, die wir unseren Körpern antun, unseren Träumen, unseren Kindern und Kindeskindern sind Teil dieses Missbrauchs der Schöpfung.

Was sind die Wurzeln einer neuen Schöpfungsgeschichte?

Sie wurde von Wissenschaftlern geschrieben, die sich in den letzten 30 Jahren mit der Evolution des Universums auseinandergesetzt haben. Jeder Stamm, den wir kennen, hat sich durch eine Schöpfungsgeschichte seinen Zusammenhalt geschaffen. Thomas von Aquin hat gesagt: „Wenn du deinen Anfang kennst, dann weißt du etwas über dein Ziel“. Mit anderen Worten: Unsere Moral kommt nicht aus Gesetzbüchern und von Politikern. Unsere Moral kommt aus dem Universum. Was sind seine Gesetze? Wenn wir diese Gesetzmäßigkeiten kennen, wird auch unsere Moral stabiler. Wenn wir keine Schöpfungsgeschichte haben, dann können wir unseren Kindern nur erzählen, wie man Geld macht, Autos kauft und seine Eltern begräbt. Leben ist langweilig, wenn es nicht im Kontext steht. Und es ist ein gewaltiger Kontext. Mindestens 14 Milliarden Jahre, Billionen von Galaxien – das ist keine langweilige Geschichte. Da geht es um ein Leben voller Staunen und Wunder. 
                         
 












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