Samstag, 2. April 2011

Sterben können heißt leben lernen

200 verschiedene Nahrungsergänzungsmittel schluckt der Futurologe Ray Kurzweil täglich, um seinem Wahlspruch „Lebe lang genug, um für immer zu leben“ zu entsprechen. Kurzweil will nicht sterben und erhofft sich von seiner Ernährungsweise, dass sie ihn so lange gesund erhält, bis die Medizin so weit fortgeschritten ist, dass die physische Unsterblichkeit dank Nanotechnologie und Biochemie zur Realität wird.
Michael Saxer, Pflanzensamenhändler und Gründer des ersten kryonischen Instituts Europas, setzt seine Hoffnung auf flüssigen Stickstoff. Bei minus 196 Grad Celsius soll sein toter Körper so lange in einem Tank lagern, bis die Wissenschaft entsprechend weit fortgeschritten ist, um ihn wiederzubeleben.
Don Alden Adams hingegen kann mit so schnödem Materialismus nur wenig anfangen. Er ist Präsident der Wachtturm-Gesellschaft und glaubt, dass er aufgrund seiner christlichen Lebensführung nach seinem Tod entweder wieder körperlich aufersteht und auf ewig die paradiesisch erneuerte Erde bewohnen wird oder aber zu den 144.000 Seelen zählt, die mit Jesus gemeinsam im Himmel regieren.
Der Tod darf nicht sein, er soll nicht sein – und Kurzweil, Saxer und Adams sind nur drei Beispiele für ein Ausweichen vor dem Unausweichlichen.

Der Mensch sehnt sich nach Ewigkeit, nach dem Überdauern seines persönlichen Empfindens, nach dem Fortbestand seiner Identität. Diese Sehnsucht ist Grundmotivation jeden Glaubens. Ob es der Zukunftsglaube von Kurzweil oder der Kryonik ist, der Jenseitsglaube etablierter Religionen oder neuere Reinkarnationshoffnungen esoterischer Zirkel: Immer geht es darum, dass ICH nicht ende.
Die Angst vor der endgültigen Auslöschung treibt uns in Hoffnungen und Ideologien, deren Wahrheitsgehalt oder Wahrscheinlichkeit wir nicht mehr hinterfragen. Wie Kinder schließen wir die Augen und hoffen, dass der Tod uns nicht sieht.

Geht es auch anders? Können wir dem Tod ohne Fantasiegebilde entgegentreten, einen Schritt in das Unbekannte wagen und in diesem Schritt die Vollendung unserer Lebensreise entdecken?
Steven Foster
Steven Foster, der 2003 verstorbene und weltweit bekannte Visionssuche-Leiter, bezeichnete den Tod als Dunkle Göttin. Er hörte ihr Lied, ihren Lockruf sehr lange in seinem Leben: Mit der genetisch bedingten Lungenkrankheit Alpha-1-Antitrypsin-Mangel geboren, wusste er sehr genau, dass er eines Tages ersticken würde.
Die Dunkle Göttin sang ihr Lied und Steven Foster tanzte dazu. Die Dunkle Göttin war für ihn nichts, was ihm Hoffnung machte, sie war keine trostspendende Liebende, die ihm ewiges Leben versprach. Sie war das Dunkle Tor, das auf uns alle wartet und welches sich erst im letzten Hindurchschreiten offenbart. Sie war ein Bild für unser Nicht-Wissen und die Begegnung mit ihr kostete Foster allen Mut. Das Annehmen seiner Endlichkeit und der Abschied von allem gingen einher mit einem sehr bewussten und schonungslosen Betrachten seines Lebens mit allen Höhen und Tiefen. Ein gelebtes Leben, ein gutes, wildes Leben, mit Schmerzen und großer Freude, mit Angst und Befreiung, mit guten und schlechten Entscheidungen und einer großen Liebe – all dies nun verstanden im Angesicht des Übergangs ohne Wiederkehr. All dies angenommen und vollendet, der Tod als letztes Kapitel, als Schlussakkord eines berührenden Liedes empfunden.

Können wir wie Foster diesen letzten Abschnitt unserer Reise völlig nackt antreten? Nackt im Geiste – ohne Vorstellungen über ein Leben nach dem Tod, aber mit einem Wissen und Verständnis über unser Leben vor dem Tod? Können wir unser Leben, wenn es zu Ende geht, anschauen, es gut heißen und es in Frieden mit uns und der Welt hingeben?

Der Tod ist die Grenze unseres Lebens. Ihn zu erfahren ist der Abschluss all unserer vorherigen Erfahrungen, er ist das endgültige Zeichen des nicht mehr wiederholbaren Moments. Nichts kann mehr rückgängig gemacht werden, nichts wieder „gut gemacht“ werden. Wenn der Tod kommt, müssen wir selbst unser Leben zu einem guten Ende gebracht haben.

Da der Tod jederzeit kommen kann, zwingt er uns als unausweichlicher Teil des Lebens in einen Reifeprozess. Denken wir über „Mors certa, hora incerta“ (Der Tod ist gewiss, seine Stunde aber ungewiss) nach, so führt uns die Aussicht auf das Ende des Lebens ins Leben selbst. Da die Momente mit Sicherheit enden werden, ist jeder einzelne von ihnen unendlich kostbar und angefüllt mit seiner ihm eigenen Ewigkeit, die wir nutzen sollten.
Wären wir unsterblich, dann hätte die Entschuldigung bei unserem Freund noch ein paar Millionen Jahre Zeit. Würden wir niemals enden, dann könnten wir unserem scheinbaren Widersacher auch noch in Äonen die Hand reichen. Alles hätte unendlich Zeit, vor allem die Worte „Ich verzeihe dir“, „Danke“, „Ich verzeihe mir“ und „Ich liebe dich“.

Dr. Scott Eberle
Scott Eberle, der als Hospizarzt Steven Fosters letzte Monate begleitet und darüber ein zutiefst berührendes Buch geschrieben hat, behauptet, dass sterben können zu leben lernen heißt. Foster sah die Dunkle Göttin immer näher kommen und nutzte die Zeit, in der Rückschau sein Leben als Ganzes zu betrachten, als Reise mit einzelnen Abschnitten und Stationen, Wegmarken und Begegnungen. Und er konnte alles, jeden einzelnen Schritt in seinem Leben als Lehrmeister sehen. Manche dieser Lehrmeister waren sanft gewesen, andere grob. Manches hatte ihn verletzt, manches hatte andere Menschen in seinem Leben verletzt. Er hatte seinen Teil des Liedes gesungen – manche Strophen voller Wohlklang und Heilung, manche Strophen disharmonisch und zerstörerisch.
Eberle war dabei, wie Foster mit sich haderte und ihm gerade die Vergebung für sich selbst so schwer fiel und wie diese Vergebung letztlich solch große Erleichterung und Frieden mit sich brachte.
Geht es uns nicht allen so, dass die Dinge, die wir hätten besser machen können uns manchmal nicht ruhen lassen? Welche Trauer ist in unseren Herzen? Welchen Schmerz blenden wir aus oder überspielen ihn?
Aus dem Leben und dem Sterben Steven Fosters können wir lernen, dass es Zeit ist, diese Dinge anzuschauen, anzunehmen, mit ihnen zu arbeiten und uns selbst und andere von dieser Last zu befreien. Und ist nicht genau JETZT diese Zeit, da wir dazu noch in der Lage sind?

Sterben können heißt leben lernen… Wahrhaft zu leben, den Moment zu schätzen und ihn nicht achtlos vorbeiziehen zu lassen – das lehrt uns der Tod durch seine Anwesenheit. Wenn wir dem Tod und seinen Konsequenzen auszuweichen versuchen, weichen wir auch uns selbst und dem Leben aus. Fantasien über die biologische Unendlichkeit unserer Körper und religiöse Gedankengebilde über ein seelisches Fortbestehen nach dem Tod lassen uns das Leben nicht so sehen wie es IST, sondern wie es unserer Meinung nach sein SOLL.
Das Jenseits der Religionen war schon immer ein beliebter Zufluchtsort auf der Flucht vor der Realität und wird nun in manchen Fällen von einer technologischen Hoffnungsmaschinerie ersetzt. Beides ist Glauben, welcher nicht den Mut zum Nicht-Wissen hat.
Doch wir sind begrenzt. In unserer Wahrnehmung ebenso wie in unserer Lebensspanne. Wir müssen uns trauen zu sehen: Jetzt bin ich, doch morgen bin ich vielleicht schon nicht mehr. Wie habe ich gelebt und was fehlt mir noch auf meiner Reise? Was fehlt mir zum Sprengen meiner Grenzen, zum Beenden meiner Angst, zum rückhaltlosen Lieben, zu wirklicher Hingabe, zum wirklichen Aufwachen, bevor ich meine Augen für immer schließe? Wir brauchen den Mut zu sagen: Ich weiß nicht, was nach meinem Tod sein wird, deshalb richte ich meine Aufmerksamkeit auf mein Leben wie es sich mir jetzt präsentiert und lebe es so gut wie ich kann und mit allem, was ich habe und bin. Voller Einsatz, keine Ausreden!

Unsere Endlichkeit schenkt uns die Notwendigkeit der Reifung. Sie schenkt uns den Moment, der niemals wiederkehrt, das Bewusstsein der Einzigartigkeit jedes Atemzugs. Und sie schenkt uns den Augenblick des Übergangs in das völlig Unbekannte. Der Tod ist die letzte Herausforderung, mit der wir umgehen müssen. Das Durchschreiten des Dunklen Tores, welches uns vorab keinen Einblick in das Dahinterliegende gewährt und von dem wir dennoch wissen, dass es ein wichtiger Teil des Lebens ist. Wir können uns fragen, ob wir den Tod technisch oder religiös besiegen wollen oder ob der Tod für uns ein siegreiches Durchschreiten jenes Tores ist und ob so das Sterben nicht Hingabe an das Leben in letzter Konsequenz sein kann.
Nicht-Wissen, Nicht-Hoffen, Nicht-Spekulieren machen uns frei. Wir sind nackte Wanderer, die mit unserem Tod die weißen Flecken auf der Karte des menschlichen Bewusstseins betreten. Irgendwann. Wenn das gewiss ist, der Zeitpunkt aber ungewiss – was ändert das in unserem Leben? 










1 Kommentar:

  1. Danke, das sind GEdanken, die in die Weite führen! Vor einiger Zeit habe ich das Buch "Was mache ich, wenn ich tot bin" gelesen. Hier kamen sehr unterschiedliche Menschen zu Wort: Religiöse - Christen, Buddhisten, Moslems, Hinuds... , Nihilisten, Atheisten - und alle berichteten von ihren Vorstellungen und Empfindungen, wenn es um den "TOD" geht. sehr zu empfehlen - überhaupt, sich mit dem Thema zu beschäftigen...
    LG
    Jan

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