Freitag, 15. April 2011

Die Wiederkehr des Grünen Mannes

(c) Will Worthington

Aus den Tiefen unserer Geschichte, aus den Tiefen der fruchtbaren Erde, aus den Tiefen unserer Seelenwelt erhebt sich heute eine Gestalt, die man schon längst vergessen glaubte: Der Grüne Mann schaut uns mit seinem wilden Gesicht aus grünen Blättern, aus Ranken und Flechten an. Seine Augen durchdringen uns - und ich stelle mir vor, wie er mit dem Kopf schüttelt und leise seufzt.
Es wird höchste Zeit, dass wir seinem Blick begegnen und seine Weisheit in uns aufnehmen, die er in großer Fülle besitzt und gerne teilt.
Jahrhundertelang existierte er oft nur als Schmuckbild in christlichen Kirchen, die ihn gern als Besiegten darstellten. Diese Bilder sind Ausdruck eines Geistes, der alles Natürliche, Kreatürliche, Fruchtbare, Wachsende, Sexuelle und Kreative zu beherrschen suchte.
Doch der Grüne Mann war geduldig. Letztlich kann auch der geistige Asphalt der Verbohrten nicht der lebendigen Kraft der Natur standhalten. Der Grüne Mann bricht an die Oberfläche unseres Bewusstseins und zeigt uns einen Weg, wieder in Einklang mit der Natur zu leben.
Schauen wir uns unsere Welt an, wird uns bewusst, dass nichts so aktuell ist, wie diese grüne Gestalt aus vergangenen Zeiten. Wenn unsere Wälder schrumpfen und Tierarten für immer verschwinden, ist es mehr als nötig, wieder den Grünen Mann zu ehren und dessen lebenspendende Kraft in unseren Herzen zu spüren.

Die Spiritualität, die der Grüne Mann vermittelt, ist wahrhaftig mitten unter uns und auf das Diesseits unserer Erfahrung bezogen. Dem Grünen Mann geht es nicht um einen weit entfernten Gott, der uns aus dem Nichts erschaffen hat, sondern um das Erleben der Heiligkeit von Mutter Erde, die uns nährt und uns Heimat ist. Es ist eine Spiritualität, die das, was IST, verehrt und nicht das, was unserer Fantasie nach irgendwann einmal sein könnte. Der Grüne Mann zeigt uns, was es heißt, zu wachsen und fruchtbar zu sein. Er ist Sinnbild dessen, was Hildegard von Bingen die „Grünkraft“ nannte – das, was uns lebendig macht, was uns heilt und heiligt.
Der Grüne Mann zeigt uns und unseren Kindern eine Zukunft, die keine Angst vor der Wildheit und der Wildnis hat. Er fordert uns auf, sowohl unsere innere als auch die äußere Wildnis zu erforschen, über sie voller Freude zu staunen, uns ergreifen zu lassen und das Wunder des Lebens in all seinen Facetten wertzuschätzen. Wie Matthew Fox, der ehemalige Dominikanermönch und Vertreter einer erdverbundenen Spiritualität schreibt, weist uns der Grüne Mann darauf hin, dass wir die Natur nicht meistern, sondern mit ihr in Beziehung stehen müssen. Der Grüne Mann ist lebendige, tatkräftige und liebende Weisheit, die bloßes technisches Wissen bei weitem übersteigt. Wenn wir unser Wissen für unsere Welt einsetzen wollen, dann brauchen wir diese Weisheit, die uns aus dem Gesicht des Grünen Mannes, aus dem Antlitz unserer Wälder entgegenstrahlt.

Kommentare:

  1. Was für ein schöner Beitrag!!
    Allerdings: es geht nicht nur um alles, was IST. Die Lebenskräfte beinhalten ja nicht nur das SEIENDE, sondern immer auch alles WERDENDE und WACHSENDE. Ich bin keine Christin und finde es unglaublich schade, dass diese potentiell herzensnahe Religion so falsch interpretiert und vergeistigt wurde und wird; aber die lebendige, tatkräftige, liebende Weisheit würd ich auch einem Jesus Christus zusprechen. Wobei mir der Green Man deutlich näher ist. Ich seh seit Wochen schon immer nen Pan in meinem Lieblingswald. :) Ich glaub, ich komm hier öfter vorbei - bin über FB hier gelandet :)
    Lieben Gruß,
    Lisa die Feuerseele

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  2. Hallo Lisa!
    Da hast Du natürlich recht: Zum Sein gehört auch das Wachsende und Werdende. Das ist für mich in dem, was IST, eingeschlossen - das Diesseitige, unsere Welt mit allem, was dazu gehört. Über liebende Weisheit verfügt ganz sicher auch Jesus, wobei ich hier immer von dem Menschen Jesus von Nazareth sprechen möchte und nicht von dem von der Religion vereinnahmten Jesus Christus. Matthew Fox, den ich im Artikel auch erwähne, nennt Jesus übrigens einen Grünen Mann. Auf jeden Fall ist Jesus für mich jemand, der sein Herz dem Leben geöffnet hat. Das kann man vom momentan existierenden Christentum mit der römisch-katholischen Bigotterie oder dem evangelikalen Sünde/Erlösungs-Schema nicht wirklich behaupten.
    Viele Grüße (auch an Pan),
    D.

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  3. Christentum wurde von unseren Ahnen, /Speziell den meinen, den Kelten, als etwas positives empfunden. Daherkonvertierten viele Druiden un mit ihnen die Sippen, und ganze Stämme.
    Als dann die "römische Mafia" das Zepter über die Christen übernahm, widersetzten sich die keltischen Christen.
    So wurden sie denn durch die kriminellen in Rom f a s t ausgerottet.

    Dieses Urchristentum mit seinem erhaltenen Teil des alten Weges ist m e i n Leben. Green Man und Cernunnos sind es, die ich in meinem Steinkreis anrufe, denen ich meine Bitten vortrage und meinen Dank abstatte.

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