Sonntag, 24. April 2011

Alleinsein

Bill Plotkin
Alleinsein ist etwas völlig anderes als Einsamkeit. Während die meist unfreiwillige Einsamkeit unser Herz verhärten und leiden lassen kann, besitzt das Alleinsein, welches wir von Zeit zu Zeit aus freien Stücken auf uns nehmen, die Kraft uns weit und offen zu machen. Das Alleinsein in einer Klosterzelle oder das Alleinsein in der Wildnis bei einer Visionssuche kann uns zum Wesentlichen unseres Lebens führen und das Leben als solches – bar aller Ablenkungen – einladen, in uns zu wirken. Eine sternklare Nacht, die wir allein unter freiem Himmel verbringen, kann uns unsere Zugehörigkeit zu etwas unendlich Großem aufzeigen, uns mit dem numinosem Raum verbinden, aus dem alles, was existiert, gekommen ist und in das alles auch wieder zurückkehren wird.

In Bill Plotkins Buch „Soulcraft – Die Mysterien von Natur und Seele“ fand ich dieses großartige Gedicht von David Whyte mit dem Titel „Süße Dunkelheit“, welches in wenigen Worten zusammenfasst, wie das Alleinsein in der Nacht unsere Seele tief berühren kann.

David Whyte
Es ist Zeit, in die Dunkelheit zu gehen,
wo die Nacht Augen hat,
um die ihren zu erkennen.

Dort kannst du sicher sein,
dass du nicht jenseits der Liebe bist.

Heute Nacht
Wird die Dunkelheit der Schoß sein,
aus dem du geboren wirst.

Die Nacht wird dir einen Horizont geben,
der noch weiter entfernt ist,
als du sehen kannst.

Eines musst du lernen.
Die Welt wurde geschaffen, um darin frei zu sein.

Gib alle anderen Welten auf,
bis auf jene, in die du gehörst.

Manchmal braucht es Dunkelheit
und das süße Gefängnis deines Alleinseins,
um zu lernen,

dass jeder und alles,
was dich nicht lebendig erhält,

zu klein für dich ist.











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