Mittwoch, 30. März 2011

Inspiration und „Eierfarbe“


Neulich hatte ich das Glück Will Worthington interviewen zu können. Hier der Artikel, der aus diesem Interview entstanden ist:

Woher kommt wahre Inspiration? Kann unser Geist zu ihr reisen oder kommt sie eher zu uns? Scheinbar schenkt sie sich dem Künstler, wenn er lernt, seinen eigenen Geist loszulassen und sein Ego einen Schritt beiseitetreten zu lassen. So kann der Pinsel, der Zeichenstift, die Leinwand oder auch das Blatt Papier zu einem Trancemedium wie die schamanische Trommel oder Rassel werden. Wenn der Künstler versinkt, ganz hinter seiner Kunst zurücktritt, ist der Weg für die Inspiration, die wortwörtliche Be-Geisterung offen. Der Große Geist haucht dem Kunstwerk Seele ein und Botschaften, von denen der Künstler selbst nicht weiß, woher sie kommen, tauchen urplötzlich auf.
Wie viele Künstler ist auch Will Worthington davon überzeugt, dass er nicht allein für seine Bilder verantwortlich ist. Worthington, dessen künstlerischer Ausdruck sowohl mit dem Pinsel als auch mit der E-Gitarre stattfindet, begann schon sehr früh mit dem Zeichnen und Malen. (Glaubt man seiner Mutter, bevor er laufen konnte…) Ursprünglich als Designer ausgebildet und in der Werbebranche tätig, verlegte er sich in den 70er Jahren auf Illustrationen und brachte aufgrund seines eigenen großen Interesses immer mehr seiner Spiritualität in seine Bilder ein. In der Zusammenarbeit mit Philip Carr-Gomm, dem gewählten Oberhaupt des größten Druidenordens der Welt, fand Will Worthington dann immer mehr seine spirituelle als auch künstlerische Heimat.

Du bist vor allem für deine Bilder im Druiden- und Wicca-Kontext bekannt. Wie bist du mit diesen Traditionen in Berührung gekommen und was an ihnen hat einen Einfluss auf deine Kunst?

Es mag sich wie eine aalglatte Antwort anhören, aber ich denke, dass ich schon immer ein Druide war! Neben meiner Liebe zur Kunst war ich stets von der Natur fasziniert und mein ganzes Leben habe ich alles über die Flora, Fauna und die mich umgebende Landschaft gelernt, was ich nur konnte. Zugleich habe ich mich mit der Geschichte der britischen Inseln auseinandergesetzt, vor allem mit den Legenden um König Arthur, die mich sehr beeindruckten. Sehr früh habe ich den Drang verspürt, alles über die Ursprünge dieser Geschichten zu studieren, dessen ich nur habhaft werden konnte, um möglichst viel über die Wirklichkeit des sogenannten finsteren Mittelalters herauszufinden.
Das hat mich zu den Steinkreisen und anderen antiken Monumenten geführt und letztlich zu den Druiden. Ich wurde Mitglied des Order of Bards, Ovates and Druids (OBOD) und fand schnell heraus, dass das Druidentum all die verschiedenen Anteile meines Lebens zusammenbringt und vereint: Natur, Geschichte, Tradition, Mythologie, Musik… und natürlich Kreativität allgemein. Es wurde sehr schnell offensichtlich, dass ich die Gabe, mit der ich geboren war, in den Dienst der spirituellen Seite meines Lebens stellen sollte.
Die Mitgliedschaft im Orden gab mir einen Rahmen und brachte eine gewisse Ordnung in mein Leben, während mir gleichzeitig die Möglichkeit gegeben wurde, meine Arbeiten einer größeren Gruppe von Gleichgesinnten zu präsentieren.
Meine Arbeit in diesem Bereich macht mir nicht nur immensen Spaß, sondern hat auch in vielen Menschen weltweit eine Saite zum Klingen gebracht, was für mich der lohnendste Teil meiner Arbeit ist.

Woher kommt deine Inspiration für deine Werke?

Meist stammt die erste Inspiration von den Autoren, mit denen ich zusammenarbeite. Ihre Ideen und Vorstellungen sind die Initialzündung. Weil ich aber nur an Dingen arbeite, die mich selbst begeistern, ist es sehr leicht für mich sofort tief in das Thema hinabzutauchen und auf der spirituellen Ebene meiner selbst involviert zu sein. Für gewöhnlich habe ich sofort ein Bild vor meinem inneren Auge, welches scheinbar aus dem Nichts auftaucht.
Ich nehme an, dieses Bild kommt aus dem Bereich, den man oft als „Höheres Selbst“ bezeichnet, doch ich denke auch, dass ein ganzes Leben der passionierten Forschung und künstlerischer Übung eine Menge damit zu tun hat.

Reist du auf gewisse Weise in die Anderswelt, um weitere Inspiration für deine Bilder zu bekommen? Sind deine Arbeiten das Ergebnis von schamanischen Reisen?

Ich gehe nicht bewusst auf schamanische Reisen – damit möchte ich sagen: Ich habe kein bestimmtes, festgelegtes Ritual, das ich ausführe, bevor ich zu malen beginne. Aber das bedeutet nicht, dass nicht trotzdem etwas in dieser Richtung geschieht… Jedes neue Bild ist wie eine Entdeckungsreise für mich und ich bin oft überrascht und fasziniert, was auf scheinbar magische Weise dabei auf der Leinwand oder dem Blatt Papier auftaucht.

Siehst du dich selbst in der Tradition des Barden, als jemanden, der mit seinen Bildern Geschichten erzählt?

Das zu behaupten, käme mir anmaßend vor. Es sind die Autoren, die die Geschichten erzählen. Ich sehe meinen Job eher darin, diese Geschichten in einer Weise zum Leben zu erwecken, die den Betrachter emotional mit ihnen verbindet. Das trifft in besonderer Weise auf die Kartensets zu, die ich in den letzten Jahren erstellt habe, speziell die Tarot-Sets. Wenn eine Person, die mit diesen Karten arbeitet nicht wirklich emotional mit den Bildern verbunden ist, kann das Tarot nicht seine Funktion erfüllen. Ich schätze, meine Arbeit ist deshalb so erfolgreich, weil ich selbst emotional aufgeladen und spirituell verbunden bin, wenn ich an den Bildern male. Wie ich eben schon sagte, ich würde keinen Auftrag annehmen, der mich nicht selbst begeistert und ich denke, diese inspirierte Verbindung fließt irgendwie spürbar durch den Betrachter hindurch.

Warum benutzt du mittelalterliche Maltechniken für deine Bilder? Soweit ich weiß, mischst du deine Farben selbst aus Eidotter und natürlichen pflanzlichen und mineralischen Pigmenten. Manchmal malst du auf Holz, das du zuvor mit Kalk und Leim grundierst…

Ja, das stimmt. Ich habe die Ei-Tempera vor 15 Jahren für mich entdeckt und meine Liebe zu allem Obskuren und allem, was auf natürliche Weise hergestellt wird, machten dieses Medium sehr anziehend für mich. Es gibt eine traditionelle Methode mit Ei-Tempera zu malen, die sehr gut dokumentiert ist und die tausende von Jahren Verwendung fand. Sie ist vermutlich äußerst schwierig gewesen. Ich habe diese traditionelle Methode völlig außer Acht gelassen und benutze die Ei-Tempera wie jedes andere Medium, wobei sie mir erlaubt, sehr schnell zu malen, denn man kann nahezu sofort dunkle Farben mit hellen Farben übermalen. Ich liebe das Gefühl, damit zu malen und die Textur der Oberfläche, wenn das Bild fertig ist.

Was berührt dich selbst am meisten in deinen Bildern?

Das ist sehr schwer zu beantworten… Ich neige dazu in meinen Bildern vor allem die Fehler zu sehen und die Enttäuschungen darüber, was ich hätte besser machen können. Aber was mich sehr berührt, sind die Dinge, die einfach geschehen und die außerhalb meiner Kontrolle zu liegen scheinen. Bevor ich zu malen beginne, zeichne ich zuerst eine sehr genaue Version des Bildes, die meine Vorstellungen und die des Autors, mit dem ich zusammenarbeite, trifft. Das ist meist der schwierigste Teil der Arbeit.
Wenn ich dann zu malen beginne, fällt aller Stress von mir ab und ich komme in einen sehr meditativen Zustand. Obwohl ich eine ungefähre Vorstellung habe, wie ich die Farben einsetzen werde, habe ich für gewöhnlich keine Ahnung davon, wie das Bild dann hinterher wirklich aussehen wird. Manchmal geschehen dann Dinge, die mich selbst gänzlich überraschen und nahezu magische Effekte tauchen aus dem Nichts auf… Mit anderen Worten: Ich „sehe“ das Resultat nicht zuerst in meinem Geist und nutze dann meine Fähigkeiten, um dieses gewünschte Ergebnis zu produzieren, sondern das Ergebnis materialisiert sich wie von selbst! Ich schätze, das ist das, was die Menschen im Allgemeinen als Inspiration bezeichnen. Aber manchmal fühle ich mich wie ein Betrüger bei diesem Vorgang, denn scheinbar habe ich nicht viel mit dem fertigen Bild zu tun!

Vielen Dank für das Gespräch.









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