Freitag, 4. Februar 2011

Im Kreis

Mary Oliver mit Percy (c) by Rachel Giese Brown
„Sage mir, was willst du tun mit deinem einzigen, wilden und kostbaren Leben?“ fragt die Dichterin Mary Oliver, deren Poesie uns in so vielen naturspirituellen Büchern begegnet. Ist es uns wirklich bewusst, dass dieses Leben unser einziges sein könnte? Dass wir aus der Dunkelheit kommen könnten, einen Kreis vollenden, indem wir unseren eigenen Frühling, unseren eigenen Sommer, Herbst und Winter erleben und dann in die Dunkelheit zurückkehren? Ist uns bewusst, dass unser Leben und unsere Möglichkeiten JETZT sind oder verschieben wir die Sehnsucht unseres Herzens auf eine Jenseitsvorstellung oder die vage Idee einer Reinkarnation?
Unsere Hoffnung mag sein, dass wir im großen Kreislauf des Lebens immer wieder die Chance haben, von vorn zu beginnen, dass wir erneut keimen, knospen und aufblühen. Das Leben als solches bewegt sich sicherlich in dieser Kreisform. Doch ob unser persönliches Erleben auch nach unserem physischen Tod Bestand hat, können wir mit Recht bezweifeln.

Für Mary Oliver haben wir nur ein einziges Leben – ein Leben, das einzigartiger Bestandteil des großen Kreises ist. Ein Leben, das niemand außer uns führen kann. Ein Leben, in dem wir so fühlen, lieben, lachen, weinen und staunen können wie niemand sonst auf dieser Welt.
Gleichzeitig spricht Mary Oliver von einem wilden Leben – ein Leben, welches dem Ruf des eigenen Herzens folgt und sich Ausdruck jenseits unserer Konventionen und Komfortbereiche verschafft. Ein Leben, das sich nicht domestizieren lässt, seinen eigenen Rhythmus findet und zu diesem einen Tanz vollführt, dessen innere, poetische Ordnung wir selbst hervorbringen. Mit dieser wilden Poesie unseres Herzens schenken wir uns selbst Sinn, welcher uns mit Freude und Kraft erfüllt.
Letztlich ist es ein kostbares Leben – ein Leben, in dem jeder Tanzschritt, jede Entscheidung, jedes Wort und jede Tat von Bedeutung sind. Jeder Blick in den Himmel, jedes Fühlen der Erde unter unseren Füßen, jeder Traum und jede Vision, jeder tätige Moment und jedes Innehalten sind einzigartiges und wichtiges Teilstück des großen Mosaiks des Seins.

Für kurze Zeit hinterlassen wir eine Spur im Kosmos, denn wir berühren die Erde, wir berühren die Wesen auf ihr – die Pflanzen, die Tiere und die Menschen. Wir können inspirieren und uns inspirieren lassen, die Kraft einer einzelnen Frage von Mary Oliver oder die schöpferischen Worte von Menschen wie Henry David Thoreau, Brian Swimme, Bill Plotkin, Philip Carr-Gomm und vielen anderen auf uns wirken lassen. Wir selbst können Worte schreiben oder sprechen, die im Inneren anderer Menschen eine Flamme entzünden.
Vielleicht hört eines Tages einfach alles für uns auf, vielleicht werden wir etwas anderes in diesem Kreis des Lebens. Doch jetzt ist unsere Zeit, in der wir uns entfalten und uns vom Leben gänzlich durchdringen lassen können. In einem Kreis der Verbundenheit können wir berühren und uns berühren lassen.
Möge uns mit jedem Herzschlag und mit jedem Atemzug bewusst werden, wie einzigartig, wild und kostbar unser Leben sein kann!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen