Dienstag, 10. Juni 2008

Großer Geist - großes Herz

Wie jede lebendige Tradition verändert sich auch der Buddhismus, integriert neue Einflüsse und prüft, ganz im Sinne Buddhas, was hilfreich ist und was nicht.
Gerade in der Begegnung mit der westlichen Kultur, in der der Buddhismus in verschiedenen Ausprägungen mehr und mehr Fuß fasst, hat die traditionelle Lehre einige Veränderungen erfahren.
Jenseits von Klöstern und Tempeln etabliert sich im Westen eine Laienpraxis, die verwurzelt in unserer Kultur und Tradition einem authentischen Buddha-Dharma folgt und diesen in ihren Alltag mit Familie und Beruf integrieren möchte.
Wie können wir diesen Weg gehen? Was ist notwendig? Was übernehmen wir aus asiatischen Kulturen und was nicht? Was hilft uns, tiefe Erfahrungen zu machen, die lebensverändernde Konsequenzen haben und die uns ganz in diesen Augenblick führen? Dieser eine Augenblick, der so wichtig ist, der jede Grenze überwindet und uns mit allen Wesen verbindet...
 Der amerikanische Zen-Meister Genpo Roshi gehört zu den unkonventionelleren Lehrern eines neuen Buddhismus im Westen. 1944 geboren, studierte er unter Taizan Maezumi Roshi den Zen-Weg, wurde Mönch, Priester und Dharma-Nachfolger, heiratete, bekam Kinder, lernte und lehrte, und gründete die internationale Gemeinschaft Kanzeon Sangha mit Gruppen in Deutschland, England, Frankreich, Holland, Polen, Malta und verschiedenen Staaten der USA.
Sein Hauptziel, den Buddha-Dharma in unser alltägliches Leben zu integrieren, verfolgt er in Sesshins und Workshops seines traditionellen sowie seines nichtreligiösen Trainingsprogramms.

Er schreibt selbst:

Es gibt ein transzendentes Gewahrsein, Big Mind, Big Heart, das gegenwärtig und für jede und jeden von uns unmittelbar zugänglich ist. Wenn wir das realisieren, erkennen wir, dass es der Ursprung und die Quelle von wahrem Frieden, von Glück, Zufriedenheit, Mut und Freude ist. Und doch wissen wir nicht, wie wir zu diesem Gewahrsein Zugang finden, wie wir es ins Bewusstsein bringen können. Wir wissen nicht, wie wir es ausdrücken und ihm in unserem Leben Form geben können.
Die letzten sechsunddreißig Jahre habe ich nach einem Weg gesucht, Menschen dabei zu helfen, zu diesem Gewahrsein Zugang zu finden. Im Juni 1999, nach vielen Bemühungen, fand ich dann endlich einen einfachen, effektiven Weg, den ich seither noch weiter erforscht und verfeinert habe. Ich nenne ihn den Big-Mind/Big-Heart-Prozess oder einfach nur Big Mind.


An Methoden, oft auch vermeintlich neuen Methoden, mangelt es der spirituellen Szene nicht. Was ist also dran am Big Mind Prozess? Bevor wir hier über eine persönliche Erfahrung sprechen, sollten wir erst klären, was dieser Prozess eigentlich ist und was er beinhaltet.


„Was für eine Art von Firma ist das wohl?“

Der Big Mind Prozess ist eine Verbindung aus Zen-Praxis und dem sogenannten Voice Dialogue, den Hal und Sidra Stone in den 1980er Jahren entwickelten. Hierbei wird auf verschiedene Aspekte (oder Stimmen) unseres Bewusstseins eingegangen, sie werden einzeln befragt, gewertschätzt und es wird ihnen ihr entsprechender Platz zugewiesen. Was hier nun reichlich theoretisch klingt, macht Genpo Roshi an einem einfachen Beispiel deutlich:

In jedem von uns sind unzählige Stimmen oder Aspekte am Werk. Zur Veranschaulichung ihrer Wirkungsweise können wir uns eine große Firma mit vielen, vielen Angestellten vorstellen. Wie viele sind es? Niemand weiß das so genau. Es ist eine etwas bizarre Situation. Wir haben wahllos irgendwelche Leute eingestellt, ohne sie vorher über ihren Job oder ihre Position zu informieren. Wir haben es auch unterlassen, ihnen eine klare Aufgabenstellung zu geben. Als ob das noch nicht schlimm genug wäre, haben wir diesen Leuten noch nicht einmal gesagt, für wen sie arbeiten, wie das Unternehmen heißt und wer der Boss ist. Dann haben wir sie aufgefordert, sich an die Arbeit zu machen. Was für eine Art von Firma ist das?
Es ist eine dysfunktionale Firma. Der Buddha entdeckte dies bereits vor zweitausendfünfhundert Jahren, verwendete jedoch eine etwas andere Beschreibung. Er sagte, dass wir die Welt verkehrt herum – „auf den Kopf gestellt“ – sähen. Auch wenn das in Sanskrit oder Pali etwas anders klingen mag, hat es ungefähr diese Bedeutung. Meines Erachtens ist „dysfunktional“ ein noch besserer Ausdruck. Wir sehen die Welt auf eine dysfunktionale Art und Weise, und deswegen leiden wir. Eine Firma, in der niemand seine Berufsbezeichnung, die Aufgabenstellung noch die Zielsetzung kennt, in der niemand weiß, was zu tun ist, ist eine Firma, die sich im Chaos befindet und „leidet“.
Wir werden uns nun nach und nach mit den Angestellten des Unternehmens unterhalten – nicht mit allen, aber doch mit einer Anzahl von Schlüsselfiguren. Wir werden uns mit allen einzeln besprechen, uns ihre Ansichten über ihre Arbeit anhören und mit ihnen ihre Aufgabenstellung und Position klären. Wir werden ihnen mitteilen, wozu sie in der Firma eingestellt wurden und welche Leistung wir von ihnen erwarten. Schließlich werden wir sie dem Vorstandsvorsitzenden vorstellen.
Nach Beendigung all dieser Interviews werden alle Angestellten ihre eigentliche Arbeit besser verrichten können. Das bedeutet, diese Firma – jene nämlich, mit der Sie dieses Buch in Händen haltend auf dem Stuhl sitzen – wird künftig eine gut organisierte und funktionierende Firma sein.


Jeder kennt die Stimmen, die in uns tätig werden. Übrigens meist dann, wenn wir sie am wenigsten gebrauchen können. Da gibt es den Skeptiker, den Kritiker, das verletzte Kind, die Angst, die Wut, das Streben nach Erfolg oder Anerkennung, aber auch die Stimme der Freiheit, des Mitgefühls, der Großzügigkeit und letztlich des allumfassenden Geistes, des Big Mind.
Alle diese Stimmen sind wichtig und haben ihre Aufgaben. Doch erledigen sie diese zufrieden stellend? Sind sie zur Stelle, wenn sie benötigt werden? Oder mischen sie sich in Dinge ein, bei denen sie besser schweigen sollten?
Nehmen wir an, wir überlassen dem verletzten Kind in uns die Verantwortung für unsere Beziehung zu anderen Menschen und unsere Partnerschaft oder Ehe... Das verletzte Kind in uns wird seine Konflikte immer unangemessen ausagieren, seine Probleme auf andere Menschen projizieren, schmollend in der Ecke hocken und mit dem guten Porzellan um sich werfen.
Müssen wir uns da wundern, wenn unser Leben nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen?

Der Big Mind Prozess identifiziert diese einzelnen Stimmen, erkennt sie an, nimmt sie an, zeigt ihnen ihren Platz, lässt sie los. So entsteht Raum für das große ICH BIN, für unser wahres Selbst, unseren Big Mind.
Funktioniert das?


Eine persönliche Erfahrung

Amsterdam im Januar. Nach gefühlten acht Stunden Parkplatzsuche ist die Stimme der Geduld in mir nur noch eine schwache Ahnung aus längst vergangenen Zeiten. (Später, als ich für den Parkplatz 45 Euro auf den Tisch legen muss, verabschiedet sich diese Stimme gänzlich und trübt mein Verhältnis zu den Niederlanden auf unbestimmte Zeit...)
Dann endlich im Nautilus-Center, einem Gebäude, das wie ein riesiges Schiff mitten in der Stadt vor Anker liegt. Im Obergeschoss, der Big Mind Workshop.
Ungefähr 120 Menschen in einem dunklen Saal und vorne sitzt Genpo Roshi auf seinem Regie-Stuhl. Ein wirklich passendes Möbelstück, denn wie ein geschickter Regisseur manövriert uns Genpo Roshi durch diesen Prozess.
Nach und nach werden alle (oder fast alle) Stimmen angesprochen. Die gemeinsame Vorstellungsrunde wird der Stimme des Angebers übertragen – Genpo Roshi meint, dass seitdem er das so handhabt, die Vorstellungsrunden recht unterhaltsam geworden sind, was ich nur bestätigen kann.
Dann kommt der Narzisst, ein guter Bekannter des Angebers – und so geht es weiter: Von den Stimmen, die wir gar nicht so gerne wahrnehmen und die wir uns nicht eingestehen mögen über die Stimmen, die unsere dualistische Wahrnehmung prägen, zu den Stimmen, die uns Zugänge zum non-dualen Bereich ermöglichen.
Nichts wird verdrängt, nichts verurteilt. Auch bei Aspekten, die im allgemeinen spirituellen Rahmen als eher hinderlich gewertet werden, wie beispielsweise das Verlangen nach etwas, wird klar, dass auch sie ihre Berechtigung haben. Um beim Verlangen zu bleiben: Es gibt auch das Verlangen, soziale Ungerechtigkeiten zu verändern, das Verlangen, unsere Kinder gesund aufwachsen zu sehen etc.
Zu jedem Aspekt ändern wir unsere Sitzposition, richten uns neu aus, ändern die Perspektive, identifizieren uns in diesem Moment mit dem jeweiligen Teilaspekt unseres Seins. Meine anfängliche Skepsis schwindet: Es gelingt mir nach einiger Zeit wirklich, Zugang zu diesen einzelnen Stimmen zu finden und aus ihnen heraus zu sprechen.

Immer weiter und offener werden die Stimmen, dringen in Bereiche der Einheit vor, werden feiner und leichter... und dann plötzlich: Big Mind!
Genpo möchte mit Big Mind sprechen und mein Denken setzt für einen Moment aus.
Da ist eine große Stille. Eine Stille, die alles umfasst, was vorher sprach. Ein Geschmack des reinen Seins. Unvermittelt, unverstellt.
Ein Blinzeln in das Eine. Absolut authentisch und nicht wirklich in Begriffen auszudrücken.

Ein stiller Frieden breitet sich in mir aus. Ich habe nichts zu sagen.
Im Nachhinein, in der Rückschau, als mein denkender Geist schon wieder fest im Sattel sitzt, kann ich es am Besten mit den Worten Walt Whitmans zusammenfassen:
„Mein Herz ist weit, in mir hat vieles Platz.“


Das Erwachen unseres allumfassenden Geistes

Was erwacht in diesem Moment, dem Moment, in dem Big Mind spricht oder auch schweigt?
Was ist diese Weite, die wir in uns entdecken?
Der Big Mind Prozess führt uns in den inneren Bereich, der immer schon erwacht war, dessen wir uns aber nicht bewusst waren, da wir so von unseren anderen Stimmen abgelenkt, ja nahezu absorbiert sind. Diese Kombination aus westlicher „Schattenarbeit“ und östlicher „Lichtarbeit“ integriert unsere verschiedenen Anteile in dem großen, allumfassenden Geist, dessen Antlitz wir schon vor unserer Geburt trugen.
Ist das eine Revolution im buddhistischen Bereich? Zumindest ist es etwas Neues, etwas, das auch Ungeübten einen schnellen Zugang und ersten Einblick in das gewährt, was gemeinhin mit „Erleuchtung“ oder „Erwachen“ bezeichnet wird.
Ken Wilber, der in seinem Vorwort zu Genpo Roshis Buch sagt, dass er jedem, der diesen Prozess ausprobiert - ganz gleich ob mit dem Buch, einer DVD oder bei einem Workshop - ein Kensho-Erlebnis, ein „Blinzeln“ garantiert, hat tatsächlich Recht:
Der Big Mind Prozess öffnet eine Tür, eine Tür, von der wir immer dachten, sie sei verschlossen und verriegelt, nur von Auserwählten zu durchschreiten.
Diese Tür öffnet sich und wir können den Kopf hindurchstecken, einen Blick erhaschen, der unser Herz und unseren Geist weitet.


Wie geht es weiter?

Der Same dieser Weite kann in unserem Herz Wurzeln schlagen. Hat man den Big Mind in sich entdeckt, nimmt er eine frische Perspektive zu unseren anderen Aspekten ein und gibt ihnen Ordnung. Er integriert sie, indem er sie wirklich sieht. So wie sie sind, so wie sie hilfreich agieren können. Big Mind löscht keine dieser Stimmen aus, er integriert sie in ein größeres Ganzes – in sich selbst.
Deshalb ist das Herz auch so zentral, denn keinesfalls sollte das Gefühl zu kurz kommen. Eine rigide Abtötung unserer Emotionen ergibt keinen Sinn. Der Frieden eines Zen-Eisblocks ist trügerisch.
Big Mind, der große Geist, und Big Heart, das geweitete Herz, ergänzen sich. Ihre Integration macht den ganzen Menschen aus.
Wenn Big Mind spricht, klingt das so:

Ich bin endlos, ich bin ewig, ich bin unendlich. Es gibt nichts, was über mich hinausgeht oder außerhalb von mir liegt. Es gibt nichts, was ich nicht bin. Ohne Anfang und ohne Ende, völlig ohne Grenzen, völlig ohne Einschränkungen.
Ich sehe die Dinge ganz einfach so, wie sie sind. Ich richte nicht, ich bewerte nicht, ich verurteile nicht. Alles ist in seiner Erscheinungsform vollkommen perfekt und vollendet.
Ich habe keine Angst, weil es nichts gibt, was von mir getrennt wäre und mich verletzen könnte – nichts kann mich schädigen und nichts mich beeinträchtigen. Es gibt nichts und niemand, das ich nicht bin. Ich bin ungeboren und daher auch unsterblich. Ich bin der ungeborene Geist. Ich bin der eine Geist. ICH BIN.


Das große Herz ist offen für die Welt, in ihm „hat vieles Platz“, wie Whitman so schön sagt.
Genpo Roshi fragt in seinem Buch dieses Herz, was es vom Big Mind unterscheidet.
Es antwortet:

Ich bin genauso umfassend, genauso grenzenlos, genauso ewig. Ich bin genauso unermesslich wie Big Mind. Jedoch fühle ich. Ich sorge mich. Ich bin das Herz. Im Gegensatz zu Big Mind liebe ich und sorge mich um alle Wesen.
Big Mind ist einfach nur gewahr und eher gleichgültig. Für Big Mind ist alles absolut vollkommen, genau so wie es ist. Ich hingegen unterscheide. Wenn ich Leiden sehe, will ich es beenden. Wenn ich Schmerz sehe, will ich diesen Schmerz lindern. Wenn ich Ungerechtigkeit sehe, will ich Gerechtigkeit herstellen. Wenn ich Verbrechen, Mord und Gewalt sehe, will ich etwas daran ändern.
Ich bin Handlung und Tat. Big Mind ist Nicht-Tun. Big Mind ist einfach nur. Ich handle, und meine Absicht ist es, das Leiden aller Wesen dieser Welt zu lindern.


So wie Herz und Geist in diesem Prozess integriert werden, wird auch das Männliche und Weibliche integriert, die Freude und der Schmerz, das Transzendente und das Immanente, das Dualistische und das Nicht-Dualistische. Alles umfasst einander und wird im Big Mind / Big Heart überstiegen.
Dies gelingt nicht von heute auf morgen, sondern muss geübt werden. Hier kommt die Meditation ins Spiel, die die im Big Mind Prozess gewonnenen Erfahrungen vertieft, sie in unser Leben integriert und uns hilft, diese Erfahrungen auch wirklich zu verkörpern.
Praxis ist unabdingbar. Die Verbindung aus Big Mind Übung, Sitzmediation und körperlicher Aktivität umfasst und durchdringt den ganzen Menschen. Auf diesem Weg ist es möglich, unserer wahren Natur zu begegnen, „unsere Bewusstheit und unser Gewahrsein zu stärken, so dass unser Wirken wahrlich von Weisheit und Mitgefühl gespeist ist.“

Um nichts weniger sollte es uns gehen!

Mögen alle Wesen glücklich sein,
Dirk

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